Liane Ströbel

Die Geschichte der Wörter hat ihre Überraschungen

Die Begriffe, die wir sorglos im alltäglichen Leben verwenden, haben eigentlich eine lange Geschichte und oft auch schon viele seltsame Umwege hinter sich, bevor sie bei uns ankommen. Ich war anfangs verwundert, als ich eine Studie des herausragenden Hellenisten Pierre Chantrine über das Wort calmar (Kalmar) gelesen habe. Erscheint es normal, zu denken, dass der Name dieses Weichtieres, das wir im Sommer am Ufer des Mittelmeeres essen, in Wirklichkeit von einem griechischen Wort abstammt, dass roseau (Schilf) bedeutet? Welches Abenteuer hat es bis da hingebracht? Nun, man versteht es: der calamos (Rohr) oder das Schilf fand seine Verwendung beim Schreiben; folglich wurde diese Gruppierung, die durch die Tintenreserve und Schreibfeder aufkam, kalamarion (Schreibrohr) genannt. Und dieses Wort durchlief das Lateinische nach wie vor als das Schilf und von da aus wandelte es sich zum encrier (Tintenfass) und dann zu dem Tier, das an den Tintenfisch erinnert, der die Eigentümlichkeit besitzt, Tinte zu produzieren. Man kam von einer Pflanze zu einem Objekt und dann zu einem Tier! Verständlicherweise hat dieses Wort all diese Etappen durchlaufen bis seine heutige Alltäglichkeit zustande gekommen ist. Aber da wir ja schon bei Tisch und den Nahrungsmitteln sind, ist mir zu diesem Beispiel noch ein weiteres eingefallen, nämlich das des muscat (Muskatweins). Ursprünglich gab es einen Geruch, den musc (Moschus); und da haben wir ein Wort, das wir entliehen haben, aber dieses Mal nicht aus dem Griechischen, sondern aus dem Persischen! Der Moschus wurde nämlich aus den Drüsen eines in Persien lebenden Tieres hervorgebracht und von dort aus ist er zu uns gekommen. Sehr gut! Aber es blieb nicht bei dieser einen Eroberung, da dieses Wort begonnen hat, alles zu bezeichnen, das einen starken und anziehenden Duft hatte (man bemerke beim Überfliegen, dass ich weiterhin das Adjektiv attrayant (anziehend) dem Anglizismus attractif (anziehend) vorziehe), auch wenn diese Wörter eigentlich einen ganz anderen Ursprung haben. Ein Duft dieser Art wird musquée (Moschus) genannt; eine Person die sich auf eine aufdringliche Weise parfümiert wurde ebenfalls, während einer gewissen Zeit, als ein muscadin (eine stark nach Moschus riechende Person) bezeichnet. Allerdings zieht dieses letzte Wort selbst unsere Aufmerksamkeit auf sich, denn aus diesem Moschus, das von einem Tier hervorgebracht wurde, entstand sehr bald die muscade (Muskate), die von einem Baum produziert wird, der muscadier (Muskatnussbaum) genannt wird, und der Begriff noix muscade (Muskatnuss) ist noch immer in den Rezepten unserer Zeit geläufig. Da wären wir wieder bei der Pflanze und dem Tier. Allerdings ist das hier ebenfalls nicht alles; denn bald hat sich dieses Konzept eines ziemlich kräftigen Geruches und Geschmackes auf den Fall von Weintrauben und Wein spezialisiert. Und hier ist unser muscat (Muskatwein) entstanden! Der muscat (Muskateller) ist eine prächtige und duftende Weintraube; und dieses Wort wird auch als Adjektiv verwendet, da es ein Werk von Colette mit dem Titel La Treille muscate gibt. Infolgedessen wird dieses Wort auch auf Wein angewendet. Hier ist das, was im Sommer und im Süden angenehm duftet; all das erinnert an das Mittelmeer, aber Vorsicht! Hier übersieht man einen letzten Wandel, der verlangt, dass dieser Name auf deinen duftenden Wein angewendet wird, der allerdings überhaupt nicht nach Muskat schmeckt und der in der Region von Nantes hergestellt wird: dieser wohlbekannte Wein heißt muscadet (Muscadet)! Dabei handelt es sich um einen trockenen Weißwein, der gut gekühlt getrunken wird und hervorragend zu Fisch passt. Allerdings sollten wir uns eingestehen, dass wir damit weit von Persien entfernt sind! Wir sind ebenfalls weit von dem Beutel dieses Tieres entfernt, aus der sich der Moschus absetzt. Ich empfahl meinen Lesern ihren Kalmar mit Muskatwein beträufelt zu essen, um diese beiden Wörter, von denen hier die Rede war, auf diese Art wieder zusammen zu führen, aber mir fiel auf, dass ihnen zu ihrem Menu vielleicht noch ein Nachtisch fehlte. Ich könnte das sorbet (Sorbet) vorschlagen; und dann hätte ich genau dargelegt, dass dieses Wort über das Italienische aus dem Türkischen und dem Arabischen gekommen ist und dass es sich dabei eigentlich ursprünglich um ein Getränk gehandelt hat und nicht um ein Eis. Diese paar Beispiele zeigen zu Genüge zwei Merkmale, die unsere Sprache ausmachen. Zunächst betonen sie die Vielfältigkeit der Herkunft unserer Wörter, besonders wenn es sich um sachliche Wörter und Realitäten handelt, die man von dem ein oder anderen übernehmen konnte. So sehr es auch unvernünftig zu sein scheint, ohne Grund Fremdwörter zu übernehmen, obwohl wir ein französisches Wort haben, das diesem genau entspricht, so sehr ist es auch ein glückliches Merkmal der Anschmiegsamkeit, die es ermöglicht, Fremdwörter zu empfangen, die uns mit den entsprechenden Realitäten erreichen.

Allerdings ist das zweite Merkmal noch viel beachtenswerter: es liegt in der Tatsache begründet, dass diese Wörter, wenn sie erst einmal in unsere Sprache eingedrungen sind, in ihr leben, verschiedene Ableitungen entwickeln und nach und nach ihren Anwendungsbereich verändern. Dieser Wandel der Wörter von einem Bereich zum nächsten beweist besser als alles andere, dass es das Leben ist, dass sie in Bewegung bringt. Manche der hier genannten Beispiele sind Vorläufer der französischen Sprache, aber diese Ereignisse setzen sich in unserer Sprache fort und wir haben hier den Beweis dafür gesehen. Man könnte die Liste der Beispiele beliebig fortsetzten.

Nun bezeichnet diese Fähigkeit nicht mehr allein die Gesundheit der Sprache, so wie es der Titel dieser Rubrik verlangt, sondern sie bezeichnet ebenso sehr ihre Offenheit und Vitalität.