Liane Ströbel

Das Gemüse und das Vokabular

Das Gemüse, von dem wir täglich Gebrauch machen, stellt ein bestimmtes Interesse für das Vokabular dar. Zunächst ist es unterhaltsam zu sehen, von woher es zu uns gekommen ist. Der Großteil hat natürlich indoeuropäische und oft auch lateinische Wurzeln, die allgemein bekannt und belegt sind. Was aber das Gemüse betrifft, so wie es bei Vielem der Fall ist, dass im Alltagsleben wahrgenommen werden kann, so sind Entlehnungen Gang und Gäbe und die Sprache bereichert sich unaufhörlich. Manche Entlehnungen sind eindeutig und man wird niemanden damit überraschen, wenn man sagt, dass der brocoli (Brokkoli) sowohl ein Gemüse, als auch ein italienisches Wort ist. Allerdings sind die Ursprünge teils sehr weit entfernt und die Abenteuer der Wörter sehr kompliziert. Es ist so, dass die tomate (Tomate), die uns so vertraut ist, eigentlich ein spanisches Wort ist, welches aber aus dem Aztekischen kommt. Ebenso kommt unsere anständige artichaut (Artischocke) von einer Mundart aus der Lombardei, aber um es zu erklären, führen die Wörterbücher ihre Herkunft auf das Spanische und Arabische zurück! Es ist gut, gleichermaßen unseren Tisch sowie unsere Sprache zu bereichern. Manchmal halten die Entwicklungswege allerdings auch Überraschungen für uns bereit. Wenn wir also entdecken, dass die haricot (Bohne) einer fragwürdigen Entwicklung zugrunde liegt und anfangs die Niere eines Schafes bezeichnete, spiegelt sich die Geschichte der Wörter in eben solchen Entwicklungen wieder.

Wenn das Wort aber erst einmal eingedrungen ist, ist man noch lange nicht am Ende der Reise angekommen. Denn die Umgangssprache reißt es sofort an sich, um Bilder daraus hervorzuziehen: eine oignon (Zwiebel) ist eine kleine Fehlbildung des Fußes oder auch eine Taschenuhr; ein asperge (Spargel)  sagt man zu einem zu großgewachsenen Mädchen und eine navet (Rübe) zu einem Werk ohne Wert. Aber manches besonders weitverbreitetes und gewöhnliches Gemüse scheint bei der Bildung einer Großzahl von neuen Redewendungen seine Verwendung zu finden, die eine hohe Anwendung finden und dessen Ursprung nicht immer ganz klar ist. Man würde es verwenden, selbst wenn das Wort alle möglichen Ungenauigkeiten mit sich bringt, die sich um es herum angesammelt haben. Das ist der Fall beim chou (Kohl)! Der Kohl hat einen besonderen Platz in unserer Sprache. Zunächst sagt man allgemein darüber, dass die Kinder naissent dans le chou (in Kohl geboren werden). Wieso? Weil dieses Gemüse so schön rund und gemütlich ist und zahlreiche Blätter produziert? Tatsache ist jedenfalls, dass diese Formulierung sehr weitverbreitet ist. Aber der Kohl kommt auch der Erinnerung an viele andere Situation zu Gute. Être dans les choux (aus dem Rennen sein)  ist durchweg peinlich. Es bedeutet, dass man sich in einer so gut wie aussichtslosen Situation befindet, voller Ratlosigkeit und Kummer; rentrer dans le chou (ans Leder gehen/wollen) von jemandem oder bei jemandem, das bedeutet jemanden gewaltsam anzugreifen und hier ist die Sache ebenfalls nicht besonders klar. Bei zwei Redewendungen kamen selbst Sprachspezialisten zu dem Punkt, wo sie sich nur noch Fragen stellten und Hypothesen aufstellten. Faire chou blanc (etwas vergeblich tun) kommt häufig zum Einsatz, um scheitern auszudrücken und die Mehrzahl der Wörterbücher oder Listen zu Redewendungen weisen uns auf diese Verwendung hin, ohne dessen Quelle genauer darzulegen und manche scheinen dabei auf die Idee gekommen zu sein, dass der Ursprung dieses Wortes nicht der Kohl war, unser Gemüse, sondern der nach althergebrachter Art ausgesprochene Coup, der einen Fehlschlag beim Kegeln bezeichnet. Diese Hypothese ist keineswegs zuverlässig, aber sie zeigt unsere Verlegenheit gegenüber dieser Invasion unseres Vokabulars durch den Kohl.

Und es kommt noch schlimmer. Denn so viele Wörter, die Gemüse bezeichnen, werden ungünstig verwendet und lasst uns dabei nicht vergessen, dass mon chou (mein Herz) oder mon petit chou (mein Herzchen) zärtliche und geneigte Begriffe sind. Wieso? Wieso sollte man jemanden mit dem unverfänglichen und gewöhnlichen Namen dieses hässlichen Gemüses benennen? Vielleicht handelt es sich um das süße Gebäck, dass „chou à la crème“ (Windbeutel) genannt wird! Was soll man da sagen? Ich weiß sehr wohl, dass man auch mon petit rat (mein kleines Mäuschen) oder andere derartige Wörter sagt, aber man bleibt trotzdem ein wenig überrascht; und die Dinge verschlimmern sich, wenn man bemerkt, dass sofort eine neue Form zustande kommt: jemand, den man gut behandelt, nennt man chouchou (Angebeteter). Und von da aus kommt eine ganze Reihe Formen um eine bevorzugte Behandlung zu bezeichnen: chouchouter (verhätscheln) und chouchoutage (Verhätschelung). Das wäre ein außergewöhnlicher Fortsatz von unserem anständigen Gemüse. Allerdings waren die Sprachwissenschaftler auch darüber besorgt und haben gedacht, dass es nicht um ihn geht, sondern dass es sich um eine nahe Ableitung des Verbes choyer (verwöhnen) handelt. Der Kohl würde sich nur zögernd und durch eine Art der starken Vermehrungen, die ihm folglich ein noch größeren Bereich verschafft, in diese Angelegenheit einmischen.

Man sieht es: in der Umgangssprache gibt es Ungenauigkeiten, Improvisationen und vielleicht auch Missverständnisse. Auf diese Weise kommen zu den Entlehnungen fremder Sprachen, bei denen wir angefangen haben, also noch beliebte Entlehnungen dazu, die die Vitalität einer Sprache sichern.