Liane Ströbel

Habt Erbarmen mit den kleinen Wörtern!

Man hört laufend Sätze wie „faudrait pas croire “ (sollte nicht glauben ) oder etwa „y a pas moyen “ (gibt keine Mittel ). Solche Formulierungen sind geläufig und sie schockieren kaum. Dennoch implizieren sie eine schlechte Behandlung, die der Sprache zugemutet wird, und können unerfreuliche Konsequenzen haben. Man überspringt munter kleine Wörter. Jedoch leiden die Rechtschreibung darunter, und manchmal sogar die Klarheit. Das erste Wort, das man wegfallen lässt ist „il“ (er), das Subjekt. Nun ist es aber ein Fakt, dass jedes französische Verb, welches nicht im Imperativ oder im Infinitiv steht, von einem Subjekt begleitet werden muss, selbst wenn es sich um die Verwendung des, wie man sagt, Unpersönlichen handelt. Wer würde es im Übrigen wagen, „pleut“ (regnet) statt „il pleut“ (es regnet) zu sagen? Es ist also grammatikalisch schockierend, dem Verb nicht (sein) Subjekt zu geben. Ich weiß sehr wohl, dass man manchmal eine kleine Erinnerung an das Subjekt bewahrt, indem man schlicht „y“ ausspricht: „y faut“ (man muss). Die Faulheit ist (hier) ein wenig geringer, die Eleganz jedoch nicht höher. Es kommt ebenso vor, dass man Subjekte in persönlichen Formen überspringt. Zum Beispiel hört man jemanden ablehnen, indem er „peux pas“ (kann nicht) anstatt „je peux pas“ (ich kann nicht) sagt: dies ist seltener und noch (viel) schockierender: man fällt fast schon in eine (Art) Babysprache zurück. Noch viel gravierender ist jedoch das Weglassen des Verneinungspartikels „ne“. Zugegebener Weise ist die Darstellung der Verneinung im Französisch amüsant. Denn sehr früh (bereits) hat man feststellen müssen, dass dieses „ne“ ein wenig schwach und kurz war und so hat man es durch sehr kleine Mengen ausdrückende und die Verneinung begleitende Hilfswörter unterstützt, um ihm Gestalt zu geben. Dementsprechend sagt man „ne pas“ oder „ne“. Je nach Epoche und Region hat man auch andere vergleichbare Ausdrücke verwendet, von denen einige noch im alltäglichen Französisch gebräuchlich sind, wie zum Beispiel „on n’y voit goutte“ (man sieht nicht die Hand vor den Augen) ; das Gleiche gilt für „mie“ (Brotkrumen) oder viele andere. Das Ergebnis ist jedoch, dass man, indem man „pas“ beibehält und „ne“ verliert, (gerade) das Hilfswort beibehält und die (eigentliche) Verneinung, die diese Hilfswort unterstützen sollte, verliert. Aus Sicht der Sprache ist dieser Fehler also gravierend. Man wird vermuten: dies geschieht, um Zeit zu gewinnen. Vielleicht ist es, um eine Anstrengung zu vermeiden, dass es aber darum geht, Zeit zu gewinnen, bezweifle ich (stark)! Denjenigen, den man fragt, ob er mit einem Scheck bezahlen wird und der anstatt mit „oui“ (ja) mit dem Ausdruck „absoluement“ (unbedingt) antwortet, dieser da scheint mir nicht, Zeit gewinnen zu wollen… Und manchmal amüsiert es mich, in solchen Fernsehserien bewegte Ausrufe einer Frau zu hören, die mit: „Pars pas, pars pas“ (geh nicht, geh nicht) protestiert, was nicht sehr schön klingt und zweimal länger als „ne pars pas“ (geh nicht weg) ist. Darüber hinaus, wollte sie (wirklich) Zeit gewinnen, wäre es (dann) nicht einfacher „reste!“ (bleib!) zu sagen? Es ist die Laschheit desjenigen, der spricht, und nicht die Zeitnot, die hier Ursache ist. Ich weiß sehr wohl, dass es (noch) einen anderen Grund gibt: eine Art inversen Snobismus, der darin besteht, dass man sich ein vertrautes Erscheinungsbild geben und nicht pedantisch erscheinen möchte. Aber müsste man nicht vielmehr von „se donner des airs vulgaires“ (sich ein vulgäres Erscheinungsbild geben) sprechen? Und befürchtet die Mehrheit der Leute wirklich für pedantisch gehalten zu werden, wenn sie „y a pas moyen“ (gibt keine Mittel) sagen? Überlassen wir diese Rechtfertigung (lieber) den Intellektuellen, die glauben so das Herz der Mengen zu berühren: die Mehrzahl von denen, die schlecht sprechen, laufen absolut keine Gefahr für pedantisch gehalten zu werden, das kann ich ihnen garantieren. Wird man jetzt wenigstens sagen, dass es nun gänzlich klar geworden ist? Da bin ich mir nicht so sicher, denn schlimmstenfalls sind Missverständnisse möglich und ich möchte an die Geschichte dieser Frau erinnern, die uns von alle den ihr im Laufe des Jahres widerfahrenen Unannehmlichkeiten erzählte, und (die) jeden Bericht mit einem deprimierten Ausdruck versah, den ich hier in folgender Form transkribieren werde „yapaxa“ (s’wanichtalles). Nein! Sie war nicht Japanerin. Sie glaubte „il n’y pas que cela“ (das war noch nicht alles) zu sagen. Anders gesagt, sie übersprang eine Vielzahl an kleinen Wörtern und das Ergebnis war dieser Ausdruck, der uns lange lachen ließ, da er allem ähnelte, nur nicht dem Französischen. Aber geben wir (es) zu! Angenommen, man könnte sich verständigen mit diesen abgekürzten und entstellten Sätzen! Schlimmstenfalls kann man sich (sogar) über wesentliche Dinge mit Hilfe dessen verständigen, was man einst „petit nègre“ (Kauderwelsch) nannte oder was man „parler bébé“ (Babysprache) nennen kann. Aber das, was man rüberbringt, ist nur sehr mager und sinnlos. Schlimmstenfalls kann man sich (ja auch) mittels Gesten verständigen: o weh! Das ist ein sehr tiefer Abstieg und man riskiert bei Gesten der Gewalt zu enden, genau zu deren Vermeidung die Sprache der Vernunft und das Respektieren der Konventionen (eigentlich) bestimmt sind. Ich glaube gern, zu Anfang dieser Chroniken einen Vers zitiert zu haben, der mich immer (schon) berührt hat: „Le ciel n’est pas plus pur que le fond de mon cœur“ (der Himmel ist nicht reiner als der Grund meines Herzens). Nun kam es aber eines Tages dazu, dass Marcel Proust, um sich zu amüsieren, ein Telegramm verschickte, das die kleinen Worte dieses schönen Verses übersprang und dies ergab (dann): „Ciel pas plus que fond cœur“ (Himmel nicht (mehr) als Grund Herzens). Das Beispiel zeigt gut, wie diese kleinen Auslassungen einen Vers ruinieren, (und) es weist ebenso darauf hin, wie sie die französische Sprache nach und nach entstellen. Sie ist es, die wir durch diese Abkürzungen aus Faulheit beschädigen. Genauso wie wir (es) schätzen, dass ein Pianist alle kleinen, vom Autor vorgesehen Noten spielt, so sollten wir es schätzen, dass die französische Sprache der leicht hinkenden Gangart und dem zahnlosen Lächeln entkommt. Ob wir uns eines Tages darin üben werden, dies zu tun und alle kleinen Worte zu auszusprechen, um deren Notwendigkeit zu verstehen?