Liane Ströbel

Hinterlistige kleine Verneinungen

Übersetzung des Artikels „Perfides petites négation“ (S. 102-104)

Die (französische) Verneinung besteht aus einem sehr kleinen Wort, welches den Sinn eines Satzes grundlegend verändern kann. Daher resultiert die Notwendigkeit, auf der Hut zu sein. Zusammentreffen mit negativen Ausdrücken sind stets gefährlich. Daher kommt es, dass man mit Anmut „ce livre n’est pas sans intérêt“ (dieses Buch ist nicht ohne Interesse) sagen kann, aber dass man in die Falle tappt, wenn man jemandem erklärt „vous n’êtes pas sans ignorer “ (sie wissen sehr wohl ): man sagt also das Gegenteil von dem, was man (eigentlich) sagen wollte. Man hat sich in gewisser Weise in den negativen Ausdrücken verfangen. (Schon) der schlichte Gebrauch der Verneinung bietet einige Merkwürdigkeiten. (Gerade) diese interessieren uns (bereits), wenn wir Fehler zu vermeiden wünschen. Sie interessieren uns jedoch noch viel mehr, wenn sie das Leben der Sprachen selbst beleuchten. Und, zu allererst (beschäftigen wir uns mit der) schwachen Form der Verneinung, (mit) derjenigen, die wir zu jedem Zeitpunkt, in jedem Satz verwenden, mit dem kleinen Wort „ne“. Ursprünglich wurde es alleine verwendet. Und (so) findet man es tatsächlich noch in der klassischen Sprache alleine an. Dieser Gebrauch hat sich in Sprichwörtern und bewusst eleganten Ausdrücken gehalten. So sagt man „il n’est pire eau que l’eau qui dort“ (stille Wasser sind tief): das „ne“ genügt/reicht vollkommen aus, selbst, wenn es sogar apostrophiert ist! Oder aber man sagt „il n’importe“ (es ist egal/ nicht wichtig) oder sogar „je n’aurais garde de“ (ich darf natürlich auch nicht) oder andere derartigen Ausdrücke, welche stets eine ein wenig veraltete Eleganz besitzen. Es war jedoch sehr kurz dieses kleine „ne“ und sehr schwach! (Aber) was ist nun geschehen? Geschehen ist, dass man ihm, zur Unterstützung, um es zu unterstützen verschiedenen sehr kleine Maßeinheiten, (und) sehr kleine Mengen angebende Wörter hinzugefügt hat: dies kann die kleinste umfassende Distanz sein: „un pas“ (ein Schritt), dies kann eine ganz kleine Menge an Flüssigkeit sein: „une goutte“ (ein Tropfen), dies kann auch eine ganz kleine Sache sein: „un rien“, was dem Akkusativ rem (Sache) im Lateinischen entspricht. Nun ist es aber amüsant gerade diesen Wörter, die ursprünglich überhaupt nicht negativ waren, dabei zuzusehen, wie sie sich durch die benachbarte Stellung (zu „ne“) negative aufladen. „Rien“, was (einst) eine Sache bezeichnete, endet schließlich darin, vollständig negativ zu sein. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, sagt man sogar „rien de rien“ (überhaupt nichts). Dies wäre perfekt, würden die modernen Gewohnheiten, in dem Bestrebens alle verwendeten Wörter blind abzukürzen, nicht in einer leicht trostlosen Art und Weise dazu führen, letztlich gerade das zu löschen, was in diesen Wendungen als wirklich Negatives verblieben ist. Man hört tatsächlich Formulierungen wie „j’ai pas peur“ (wörtlich: ich habe (einen) Schritt Angst) (und) „j’ai rien fait“ (wörtlich: ich habe (eine) Sache gemacht). Man hat die Verneinung (bloß) unterstützen wollen: (und) siehe da durch eine kleine Inkohärenz tötet man sie. Es gibt jedoch etwas noch Subtileres. Es gibt das Phänomen, was man das „ne explétif“ nennt. Im Allgemeinen bedeutet dieses Adjektiv „qui remplit“ (der auffüllt); es wäre folglich ein Füllwort. Und die Sache ist die, dass man dieses „ne“ in bestimmten Nebensätzen antrifft ohne, dass diese (selbst) semantisch negativ sind. Betrachtet man sie jedoch (etwas) genauer, so stellt man schnell fest, dass es sich in Wirklichkeit um interessante Nuancen des (eigentlichen) Gedankens handelt. Dies kommt in vielen Sprachen vor: das Altgriechische besaß zwei verschiedene Verneinungen, die eine, die eine Tatsache verneinte („je ne le vois pas“ (ich sehe es/ihn nicht)) und die andere, die ein Konzept verneinte („pourvu qu’il ne soit plus malade“ (hoffentlich ist er nicht mehr krank)). Nun geschieht aber etwas Vergleichbares im Französischen. Nach Verben, die eine Befürchtung, ein Hindernis (oder) eine Ungewissheit ausdrücken, will es der Gebrauch, dass der sich anschließende Satz von dem kleinen Wort „ne“ begleitet wird. Und wozu? Naja, gerade weil das Konzept der Beschwerde oder des Hindernisses, was im Verb ausgedrückt wird, den ganzen Satz dominiert und sich somit auf den Nebensatz (belastend) auswirkt; tatsächlich ist die Syntax einer Sprache nicht aus theoretischen Regeln mit einer Reihe an Ausnahmen gemacht, welche man in einer Liste zusammenstellen kann: eine Sprache überträgt selbst die Bewegungen des Gedankens und des Gefühls. Sagt man „je crains qu’il ne vienne“, (so) denkt man „pourvu qu’il ne vienne pas“ (hoffentlich kommt er nicht) und die negative Bedeutung dieses Wunsches strahlt und breitet sich auf den ganzen Satz aus; sie wird zu einem Gebet, einer Ablehnung. Das kleine Wort „ne“ wird Zeuge dieser Nuance des Gefühls. Da ist es, ein Phänomen, das ich bewegend finde: der Satz ist ein Ganzes und trägt in sich diese Nuancen des Gefühls bis (weit) über das Hauptverb hinaus. Was uns (also) als Eigentümlichkeiten erscheint, ist folglich eine Flexibilität voller Bedeutungen. Was soll man aber machen, wenn man eine inverse Befürchtung ausdrücken möchte? Wie kann man in guter Syntax herüberbringen, dass man seine Abwesenheit befürchtet? Die Sprache hat die Lösung gefunden: dem kleinen „ne explétif“ wird man die Unterstützung der Verneinung hinzufügen und man wird sagen „je crains qu’il ne vienne pas“ (ich fürchte, dass er nicht kommen wird). Dies scheint kompliziert und ist doch so leicht, so natürlich! Sind sie nun hinterlistig, diese kleinen negativen Wörter, in deren (Gegenwart) wir uns manchmal so ungelenk bewegen? Ich würde vielmehr sagen, dass sie flexibel sind, lebendig (und) suggestiv. Habt also Mitleid mit ihnen! Sieht man nicht, was diese kleinen Anomalien verbergen, so ist das kein Bereichern der Sprache, sondern ein brutales Massakrieren dieser.