Liane Ströbel

Im Dienste der Schnelligkeit

Übersetzung von „Au service de la vitesse“ (De Romilly 2007, 111-113)

Ich habe mich hier manchmal gegen die Freiheiten erhoben, die man im Hinblick auf das französische Vokabular viel zu leichtfertig wahrgenommen hat. Aber ich gebe zu und erkenne die Kraft der Erneuerung an, die unsere Sprache zugrunde liegt: um dies zu zeigen, habe ich die Entscheidung getroffen, mich mit Wörtern zu befassen, die die Entwicklung der immer schnelleren Fortbewegungsmittel zum Ausdruck bringen, die eine Zivilisation auszeichnen. Dort vermehren und verbreiten sich die praktischen Erfindungen unaufhörlich. Das Vokabular muss dieser Bewegung folgen und erfindet jedes Mal die benötigten Wörter, um diese neuen Fortschritte zu bezeichnen. Daraus folgt ein unaufhörliches Entstehen von Wörtern; und so kann man die Art und Weise, wie unsere Sprache lebt und sich erneuert, besser wahrnehmen. Zugegebenermaßen gibt es im Französischen alle möglichen Ableitungen, die aus dem ehemaligen char (Streitwagen) des Romanischen hervorkamen und einen Ausgangspunkt darstellen. Aber bereits viele dieser Wörter, die alle mit dieser Wurzel zusammenhängen, sind eigentlich Entlehnungen aus den Ländern um uns herum. Die carriole (Karren) kommt aus dem Provenzalischen; die carrosse (Karosse) kommt aus dem Italienischen; und der car (Bus) selbst ist aus England, wo er einst in der Form des normannischen char (Wagen) angekommen war, zu uns zurückgekehrt. Alles wird vom Lateinischen aus vermittelt. Allerdings sind die Entlehnungen nicht alle auf diese alleinige Wurzel beschränkt, ganz im Gegenteil. Um mit einem Wort anzufangen, dass die aktuellen politischen Diskussionen ausgiebig verfolgen, könnte man die tramway (Trambahn) anführen, die 1860 aus England zu uns gekommen ist, dicht gefolgt von ihrer Abkürzung tram (Tram). Aus dem Englischen sind ebenfalls die ferry (Fähre) oder auch der wagon (Eisenbahnwagen) zu uns gekommen. Ebenso ist es auch mit der carrosse (Karosse), die italienisch ist, der calèche (Kalesche), die deutsch ist (obwohl sie aus Tschechien kommt) und der coche (Kutsche), die ebenfalls deutsch ist (obwohl sie aus Tschechien kommt). Und das ohne von der berline (Berline) zu reden, die im 18. Jahrhundert eine Wagenform bezeichnete, die in Berlin seit dem vorherigen Jahrhundert verwendet wurde. Die Entlehnungen vermehren sich, passen sich an und dringen ins Französische ein. Es wäre nötig, genauer darzulegen, dass die Wörter, die diese Fortbewegungsmittel bezeichnen, oft Schnelligkeit ausdrücken oder suggerieren. Dies findet sich auf unverschleierte Weise bei den Namen von Zügen, wie dem rapide (Schnellzug) oder dem express (Express) wieder, um dann auf die moderne Form eines Zuges hinauszulaufen, einem train à grande vitesse (Hochgeschwindigkeitszug) oder TGV (ähnlich ICE). Derweil wagt das Flugzeug das supersonique (Überschallschnelle); allerdings kannte schon die Epoche der Klassik den diligence (Eifer) der einen gewissen Eile voraussetzt, auch wenn er kaum eine große Schnelligkeit erreicht. Vielleicht hat dieser Geist der Geschwindigkeit etwas mit der Tatsache zu tun, dass nahezu alle diese Verkehrsmittel sofort abgekürzt werden: man sagt beinahe gleich das Rad statt „Fahrrad“, Auto statt „Automobil“, Mofa statt „motorisiertes Fahrrad“ (und auch die, die nicht mehr die Geschwindigkeit suggerieren, wie die U-Bahn, die nur die „Untergrundbahn“ korrigiert). Mitten unter diesen Entlehnungen und Neuschöpfungen ist eine besonders erstaunlich. Es ist die des autobus (Autobus). Um sie zu verstehen, ist es nötig, zu dem Wort omnibus (Omnibus) zurückzugehen: dieses Wort ist ein schönes lateinisches Wort im Dativ, das „für alle“ zum Ausdruck bringt: es handelt sich um einen Transport „für alle“. Allerdings hat man den Wert dieses Wortes nicht erkannt und aus diesem Grund hat man nichts als ein kleines Stück der Endung beibehalten, ein paar Buchstaben ohne Sinn, die man an andere Zusammensetzungskomponenten angefügt hat. Da ist er, unser auto-bus (Autobus)! Und von dort aus geht es weiter mit dem trolleybus (Oberleitungsbus), dem minibus (Kleinbus), dem airbus (Airbus) und einer Menge anderer entsprechender Formationen. Und von dort aus kürzt man dann wieder einmal ab, und hier ist der bus (Bus): ein kleines Stück der lateinischen Endung, die zu einem Fortbewegungsmittel wird. Die Entwicklung ereignete sich in England; sie ereignete sich in Frankreich; dabei hat das Wort aus beiden Sprachen geschöpft. Dies bestätigt uns, dass der Erfolg eines Wortes nicht immer mit der Klarheit und Stimmigkeit seiner Bildung zusammenhängt. Wir wissen es und es gibt dafür noch viele andere Beispiele. Es würde dennoch ein Interesse daran geben, die Zahl dieser im Sinne der Anschaulichkeit nicht zu sehr zu erhöhen. Es ist derartig angenehm, dass diese Wörter Bilder und einen bestimmten Sinn suggerieren: das avion (Flugzeug)  an den oiseau (lat. avis ‚Vogel‘) erinnert, so wie das aéroplane (Segelflugzeug) an die Luft (XX) erinnert, die es trägt. Das was hier im Grunde genommen geschieht, ist dass die Geschwindigkeit der technischen Erneuerung nicht immer genug Zeit für die Wahl von besonders angemessenen Wörtern lässt. Es ist so, dass die Dinge in diesem Bereich schnell gehen! Jeder kennt das Gedicht von Alfred de Vigny, dass mit „Je roulerai pour toi la maison du berger“ (Ich hole dir den Schäferkarren) beginnt; in der bezaubernd fingierten Anthologie der französischen Poesie antwortet Henri Bellaunay mit dem Vers: „Nous partirons demain avec le TGV“ (Wir fahren morgen mit dem Hochgeschwindigkeitszug fort)! Andere Zeiten, andere Sitten; aber auch andere Wörter, denn die Sprache ist lebendig und passt sich ständig einem Leben an, das sich erneuert.