Liane Ströbel

Nichts und derartige Kleinigkeiten

Übersetzung des Artikels „À propos de rien“ (S. 168-170)

Ich hatte bereits die Gelegenheit hier auf die Existenz dieser kleinen Wörter hinzuweisen, die ohne selbst negative Bedeutung zu haben, daherkommen, um die Verneinung „ne“ zu unterstützen: sie bezeichneten ursprünglich eine kleine Maßeinheit oder eine kleine Menge: „un pas“ (einen Schritt), den man zurücklegt, wenn man geht, „un point“ (einen Punkt), der noch viel begrenzter ist, oder aber Wörter wie „goutte“ (Tropfen) („on n’y comprend goutte“ (wörtl.: man versteht darin nicht (einmal) einen Tropfen)), und andere Begriffe solcherart. Ich habe jedoch noch niemals die eigenartigen Folgen dieser Verwendung für unsere Sprache erwähnt. Denn im Kontakt mit dem verneinenden Partikel „ne“, haben sich einige dieser Wörter mit einer negativen Bedeutung aufgeladen; und manchmal oszillieren sie zwischen ihren zwei Verwendungsweisen, der positiven und der negativen. Nun ist es aber nicht (ganz) uninteressant, sich dieser Flexibilität unserer Sprache und diesen Bedeutungsverschiebungen, die mitunter überraschen können, bewusst zu werden. Hier zum Beispiel zwei Wörter, die uns heutzutage entschieden negativ erscheinen: (zum einen) das Wort „rien“ und (zum anderen) das Wort „aucun“. Wenn wir fragen „was sehen Sie?“, „welches Zeichen sehen Sie“, (so) wird man „rien“ (nichts) oder „aucun“ (keins) antworten und keine Formulierung könnte noch entschieden negativer sein. Und dennoch ist es unbestreitbar, dass diese Wörter und andere derselben Gattung ursprünglich eine positive Bedeutung hatten, wovon man heutzutage manchmal (noch) eine Spur wiederfindet. „Rien“ entsprach ursprünglich dem lateinischen Wort rem, „eine Sache“. Bezüglich des Wortes „aucun“ ist zu sagen, dass es auf das lateinische Wort aliquis zurückgeht, was „jemand“ bedeutet. Diese Bedeutung findet sich (auch) im Italienischen wieder, in dem das Wort alcuni „einige“ bedeutet. Zu unserer Verwunderung hat es im Französischen in einem ziemlich außergewöhnlichen, jedoch sehr anerkannten Fall überlebt: in dem des Ausdrucks „d’aucun“. Diese Formulierung bedeutet „gewisse Personen“ und obwohl es sich um eine literarische Wendung handelt, ist dieser Gebrauch noch weitgehend anerkannt: ohne jeden Zweifel, ist es (gerade) das, worüber man sich wundert. Tatsächlich stellt man fest, dass zwischen diesen zwei Bedeutungsmöglichkeiten – die eine positiv und eher wenig anerkannt, die andere negativ, wenn diese Wörter mit dem verneinenden Partikel „ne“ zusammentreffen – eigentlich (sogar noch) Zwischenbeispiele existieren, an denen man sieht, wie das Wort eine negative Färbung hinsichtlich seiner Bedeutung erhält, ohne dadurch (selbst) negativ zu werden. Beispiele verdeutlichen das Phänomen. „Il est sorti sans rien dire“ ist sprachlich gesehen die exakte Entsprechung von „il est sorti sans dire un mot“ (er ist hinausgegangen, ohne ein Wort zu sagen). Es ist jedoch das Wort „sans“ (ohne), welches seinen Einfluss auf unser „rien“ ausübt, welches daran gewöhnt ist, mit der Verneinung zusammenzutreffen. Das gleiche Phänomen ist bei Zweifel oder Zögern ausdrückenden Verben zu finden, wobei sich die Verneinung, sollte sie nicht explizit formuliert sein, im Gedanken existiert. Ein solcher Gebrauch ist lebendig, flexibel (und) viel näher am Ausstoß des Gedankens als äußerliche Regeln. Folglich wird man mit dem Adjektiv „aucun“ (kein/ irgendein) „il est sorti sans apporter aucune réponse“ sagen, was grammatikalisch gesehen die Entsprechung von „il est sorti sans donner une réponse nette“ (er ist hinausgegangen, ohne eine klare Antwort zu geben) ist. Das Gleiche gilt für andere Wörter dieser Art: „il est sorti sans voir personne“ (er ist hinausgegangen, ohne jemanden zu sehen) oder etwa „je ne crois pas s’il y arrive jamais“ (ich glaube nicht, dass er es jemals schaffen wird). In solchen Formulierungen ist der Gedanke durch die Tatsache gefärbt, dass man (ebenso) eine andere Wendung benutzen und behaupten könnte „il n’a rien dit“ (er hat nichts gesagt), „il n’a pas fait un geste“ (er hat sich nicht gerührt), „il n’a vu personne“ (er hat niemanden gesehen) oder „il n’y arrivera jamais“ (er wird es niemals schaffen). Man gleitet in die Verneinung ab. Und dabei habe ich die Dinge nicht (unnötig) erschwert. Ich habe nicht von der Tücke gesprochen, die durch die Ähnlichkeit zwischen „rien moins que“ (alles andere als) und „rien de moins que“ (nicht weniger als/nichts Geringeres als) entsteht: an dem Punkt angelangt, trifft man sämtliche Möglichkeiten und das Klügste ist es, sie zu vermeiden. Ich habe auch nicht von diesem kleinen Wort „ne“, mitunter „explétif“ (Füllwort) genannt, gesprochen, welches, ohne (selbst) wirklich negativ zu sein, in Sätzen auftaucht, die von semantisch negativen Verben abhängen. Auch da handelt es sich um eine Art Ansteckung (oder) Integration durch den Gedanken. So kommt es, dass man „je crains qu’il ne vienne“ sagt. Dies bedeutet „il viendra, je le crains“ (er wird kommen, ich befürchte es). Möchte man im Gegensatz dazu „il ne viendra pas, je le crains“ (er wird nicht kommen, ich befürchte es) sagen, so wird man „je crains qu’il ne vienne pas“ (ich befürchte, dass er nicht kommt) sagen. Dort ist er der nuancierte und heikle Sprachgebrauch. Ich weise nicht deswegen so sehr auf ihn hin, um mögliche Fehler und eventuelle Widersinne vorzubeugen: ich möchte vielmehr zwei Schlussfolgerungen daraus ziehen. Die erste ist die kapitale Wichtigkeit/Relevanz der Verneinung „ne“, die unverzichtbar dafür ist, den anderen Wörtern ihre wahre negative Bedeutung zu geben. Man muss sie um jeden Preis bewahren und aufhören „j’ai rien fait, je sais rien“ (ich habe nichts/ eine Kleinigkeit gemacht, ich weiß nichts/ eine Kleinigkeit) sagen. Die zweite Schlussfolgerung ist, dass man diese scheinbaren Absonderlichkeiten der Sprache lieben und respektieren muss. Sie sind wie die Triebe und Verästelungen einer Pflanze, die sich entwickelt. Respektiert man sie nicht, gefährdet man ihre natürliche Entfaltung und folglich (auch) ihre Gesundheit.