Liane Ströbel

Contrastive Perspective

Nach diesen Ausführungen zu den verbos leves im Speziellen betrachten wir im Folgenden die verbos leves im Vergleich zu temporalen Hilfverben. Beide sind das Ergebnis von Gram- matikalisierungsprozessen (vgl. Meillet 1912, Lehmann 1995). Das Grundprinzip wird hier nur kurz angedeutet:

[U]m processo que tem encontrado abrigo privilegiado no funcionalismo (…) exata- mente porque reflete a relação entre o sistema gramatical e o funcionamento discursi- vo, ou seja, porque se aplica pela interação entre motivações internas ao sistema e as motivações externas a ele. (Neves 2006: 20)

Hierbei lässt sich diachron eine klar erkennbare Entwicklungsrichtung feststellen, die einer synchronen Hierarchie entspricht (vgl. Ströbel 2010, 2011, 2014a, 2014b). Bei den verbos leves, die im Mittelpunkt dieses Artikels stehen, ist hierfür das Quellkonzept HAND der Ausgangspunkt, bei den vergleichend behandelten temporalen Hilfsverben sowohl HAND als auch FUSS6. Beide ‘fussen’ in der Kopula (ser ‘sein’ [< lat. SEDRE ‘sitzen’]), dem gram- matikalisiertesten Verb in der Sprache, welches sich selbst auf den KÖRPER bzw. eine spezi- fische KÖRPERPOSITION zurückführen lässt.

Neben den EMBODIMENT-Strategien bei der Innovation teilen verbos leves und Auxiliare auch folgende Entwicklungsschritte der Konventionalisierung:, In einem ersten Schritt werden vor allem statische Verben grammatikalisiert: HABEN, HALTEN, STEHEN. In einem zweiten Schritt folgen dynamische Verben: MACHEN, TUN, GEHEN. In einem dritten Schritt sind dann auch dynamisch gerichtete Verben betroffen: GEBEN, NEHMEN, KOMMEN. Mit fortschreitendem Grammatikalisierungsprozess nehmen somit die ausgeführten Bewegungen an Komplexität zu: statisch > dynamisch > dynamisch gerichtet. Da dieser Prozess nach hinten offen ist, wer- den in der Illustration auch noch weitere potenzielle verbos leves wie tomar (z.B. tomar ati- tudes autoritárias) oder tirar (tirar proveito) berücksichtigt.

Im weiteren Verlauf wird es allerdings vor allem um die in Abb.3 hervorgehobenen verbos leves gehen: das statische ter, das dynamische fazer und das dynamisch gerichtete dar. Diese werden in ihrer Funktion als verbos leves bzw. in Konstruktionen vom Typ ʻverbo leve + (Det./Präp.) Nomenʼ untersucht, z.B. ter medo, ter consideração, fazer promessa, fazer relax- amento, dar aviso, dar explicação etc.

Auf den ersten Blick lassen sich dabei kaum Unterschiede in der Verwendung von verbo leve-Konstruktionen in den drei romanischen Sprachen feststellen.

Dieser Eindruck trügt aber. Die drei Sprachen unterscheiden sich nämlich in der funktionellen Auslastung ihrer verbos leves. Diese Unterschiede lassen sich auf unterschiedliche Gram- matikalisierungstufen im Auxiliarbereich der jeweiligen Sprachen zurückführen. Ähnlich, wie in Abb.3 sind die Verben gemäß ihrer Entwicklungsrichtung (statisch > dynamisch > dy- namisch gerichtet) angeordnet. Dunkelgrau hinterlegt sind die Verben des temporalen Hil- fsverbbereichs (insbesondere SEIN und HABEN), in einem helleren Grau, diejenigen, die sich (neben den temporalen Hilfsverben) aufgrund ihrer hohen Grammatikalität besonders als ver- bos leves eignen (vor allem HALTEN und MACHEN). Mit vertikalen schwarzen Strichen wird die Grammatikalisierungsgrenze markiert. Bei Verben die links von dieser liegen, überwiegt die grammatische Funktion in der Sprache (z.B. Kopula, temporale Hilfsverben, Prädikatisierungsmorpheme), bei Verben rechts von dieser Grenze lassen sich je nach Ver- wendungskontext entweder keine (verbos leves) oder noch spezifische Zusatzinformationen feststellen (z.B. kausativer oder aktionsartverändernder Art, vgl. Test 1 und 2, Kapitel 3.1 und 3.2). Anhand dieser Darstellung lässt sich das Zusammenspiel von Auxiliar-und Verbo leve- Bereich in den verschiedenen romanischen Sprachen gut gegenüberstellen und Unterschiede – gerade im Bereich des Portugiesischen- werden deutlich.

Aus der Abbildung geht hervor, dass der temporale Hilfsverbbereich im Französischen noch zwischen être und avoir aufgeteilt ist. Dies verhindert die Grammatikalisierung von HALTEN (fr. tenir), da die statische Funktion durch SEIN und HABEN gut besetzt ist. Das Französische verfügt zudem zwar über ein gut ausgebildetes dynamisches MACHEN (vgl. Jäger 1987a, b; Giry-Schneider 1985a, b), dieses weist aber teilweise noch kausative Zusatzinformationen auf. Aus diesem Grund ist die Grammatikalisierungsgrenze im Französischen zwischen avoir und faire anzusiedeln (vertikale hervorgehobene Markierung, vgl. Abb.5). Zudem verhindert die Dominanz statischer Quellkonzepte im Hilfsverbbereich (SEIN und HABEN) und eine noch nicht weit fortgeschrittene Entwicklungsstufe dynamischer Konzepte (MACHEN), die Gram- matikalisierung von den noch lexikalisch komplexeren dynamisch gerichteten Verben (GEBEN). Als Konsequenz lässt sich im Französischen im Bereich der dynamisch gerichteten Verben noch kein dominantes verbo leve ausmachen – ganz anders als im Spanischen und Portugiesischen (dar ‘geben’). – Im Französischen fungieren vielmehr noch mehrere Vertreter dynamisch gerichteter Verben– je nach Kontext – als verbo leve, z.B. fr. donner in donner une explication, poser in poser une question, prendre in prendre une decision etc. Ähnlich wie im Portugiesischen und Spanischen deutet sich aber schon an, dass donner ‘geben’ (entsprechend

dar) am ehesten in die Funktionsbereiche von faire ‘machen’ eindringen könnte, z.B. donner peur (wörtl. geben Angst) ‘Angst machen’, neben faire peur ‘Angst machen’.

Im Spanischen verläuft die Grammatikalisierungsgrenze dagegen zwischen tener und hacer. Es verwendet haber ‘haben’ als Hilfsverb , z.B. in sp. he escrito ‘ich habe geschrieben’ ; expressiver ist aber tengo escrito mit tener ‘halten’. Im verbo leve-Bereich steht tener ‘hal- ten’ allein da, z.B. sp. tener miedo wörtl. ‘haben (< halten) Angst’. Durch die Funktionsüber- nahme von HABEN durch HALTEN im verbo leve-Bereich, steht der Weg offen für eine ver- stärkte Verwendung dynamischer (MACHEN) und dynamisch gerichteter Verben (GEBEN).

Im Portugiesischen schließlich hat HALTEN HABEN nicht nur im verbo leve-Bereich ersetzt (z.B. pt. tenho medo wörtl. ‘ich habe (<halte) Angst’), sondern auch im Hilfsverbbereich (z.B. pt. tenho escrito ‘ich habe geschrieben’). Im verbo leve-Bereich bekommt das statische HAL- TEN zunehmend Konkurrenz von starkem dynamischen (MACHEN) und dynamisch gerichteten verbos leves (GEBEN, NEHMEN etc.).

Bezüglich der Frequenz von verbos leves lässt sich so festhalten, dass gerade in beiden iberoromanischen Sprachen, als Konsequenz ähnlicher Verdrängungsprozesse (HABEN > HAL- TEN), neben sp. tener bzw. pt. ter, vor allem sp. hacer bzw. pt. fazer und sp./pt. dar do- minieren:

  1. (5)  fazer pergunta, fazer pedido, fazer uso, fazer afirmação, fazer comparação, fazer força, fazer crítica, fazer esforço, fazer reclamação, fazer viagem, fazer diagnóstico, fazer sín- tese, fazer correção, fazer distinção, fazer protesto, fazer reunião, fazer contribuição, fazer pesquisa, fazer apelo, fazer experiência, fazer acordo, fazer modificação, fazer visita, fazer análise, fazer reflexão, fazer cálculo, fazer denúncia, fazer vistoria, fazer transferência, fazer oposição, fazer foto, fazer relato, fazer controle, fazer recepção, faz- er compra, fazer registro, fazer palestra, fazer investigação, fazer redução, fazer desafio, fazer defesa, fazer estudo, fazer participação, fazer rabisco, fazer brincadeira, fazer atu-ação, fazer pouso, fazer voo, fazer giro, fazer parada. (Chishman & Abreu 2014: 160)
  2. (6)  dar início, dar origem, dar condição, dar olhada, dar atenção, dar declaração, dar pri- oridade, dar preferência, dar detalhe, dar destaque, dar instrução, dar sorriso, dar in- formação, dar proteção, dar segurança, dar definição, dar valor, dar impulso, dar con- tribuição, dar auxílio, dar explicação, dar exemplo, dar direito, dar opinião, dar beijo, dar grito, dar resposta, dar prova, dar saída, dar ordem, dar continuidade, dar salto, dar prazer, dar aumento, dar palpite, dar medo, dar entrevista, dar fugida, dar surra, dar aula, dar pontapé, dar tiro, dar chute, dar sentença, dar cascudo, dar deslize, etc. (Chishman & Abreu 2014: 160)

    Je weiter diese Verben sich von der Grammatikalisierungsgrenze entfernen, umso mehr beste- ht die Möglichkeit, dass (potenzielle) verbos leves noch einen Rest ihrer ursprünglichen Be- deutung mit in die Konstruktion bringen. Zur Unterscheidung zwischen reinem verbo leve und Verb mit semantischer Zusatzinformation kann hier der Possessivpronomentest herange- zogen werden (vgl. Kapitel 3.2). Gerade bei den sehr frequenten Abstrakta auf -ada in Kom- bination mit dar schwingt die Konnotation ‘leicht, schnell, ohne Anstrengung’ mit, z.B. sp. Dale una ojeada al trabajo oder pt. dá palmada. Je nachdem, ob man den Ursprung dieser Konnotation eher im Abstraktum (sp. ojeada ‘flüchtiger Blick’ bzw. pt. palmada ‘Klaps’) oder im Verb (dar = [PUNKTUELL], [PROZESS]; vgl. Kapitel 6) ansiedelt, wird die Konstruktion als verbo leve-Konstruktion (= su ojeada / seu palmada) oder idiomatische Wendung (≠ su ojeada / seu palmada) gewertet. Interessanterweise scheint gerade in diesem Bereich − wahrscheinlich aufgrund der weiter rechts liegenden Grammatikalisierungsgrenze − das Por- tugiesische, v.a. das brasilianische Portugiesische, flexibler in der Kombination mit Abstrakta zu sein, z.B. bras.pt. O copo deu uma quebrada vs. ?/* pt. O copo deu uma quebrada.

    Bevor weiter auf die höhere Kombinationsfähigkeit des brasilianischen Portugiesischen gegenüber dem europäischen Portugiesischen und dem Spanischen eingegangen wird, werden kurz die Ergebnisse des Vergleich des Auxiliar- und des verbo leve-Bereichs in einer Graphik zusammengefasst. Dabei wird als Ausgangssituation immer die funktionelle Auslastung des Auxiliarbereichs (linke Spalte) herangezogen. Die sich daraus ergebenen Konsequenzen für die einzelnen romanischen Sprachen (rechte Spalte), werden in der mittleren Spalte aufge- führt.

    Aus der Analyse der drei romanischen Sprachen lässt sich also folgende Hypothese ableiten: Ausgehend von der Auslastung des Auxiliarbereichs kann die Frequenz der verbos leves vo- rausgesagt werden. Dies gilt auch für die sowie ihre Kombinationsfähigkeit mit Abstrakta, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden.

    Der Vergleich des Portugiesischen mit dem Französischen und Spanischen zeigt folgendes: Teilen sich wie im Französische SEIN und HABEN noch Funktionen im Auxiliarbereich, dann findet sich im verbo leve-Bereich ein dominantes statisches HABEN, aber kaum HALTEN, da der statische Funktionsbereich mit SEIN und HABEN ausreichend besetzt ist. Darüber hinaus bildet sich auch verstärkt ein expressiveres dynamisches MACHEN heraus, aber (aufgrund der im Vergleich zum Spanischen und Portugiesischen weiter links liegenden Grammatikalisie- rungsgrenze) kaum echte verbos leves mit dynamisch gerichteten Verben (GEBEN, NEHMEN etc.), da diese hier noch stark aktionsartspezifizierende Eigenschaften aufweisen. Im Spanis- chen hingegen, wo der Auxilarbereich an der entsprechenden Stelle nur mit HABEN besetzt ist, übernimmt das statische HALTEN die Funktion von HABEN im verbo leve-Bereich. Zudem fin- det sich hier nicht nur ein gut ausgebildetes dynamisches MACHEN, sondern auch ein starkes dynamisch gerichtetes GEBEN. Geht die Grammatikalisierung im Bereich der Auxiliare noch eine Stufe weiter wie im Portugiesischen, und wurde HABEN ganz durch HALTEN ersetzt, dann bekommt HALTEN im verbo leve-Bereich zunehmend Konkurrenz von MACHEN und von dy- namisch gerichteten verbos leves (GEBEN, NEHMEN etc.).

    Neben diesen Unterschieden zwischen den Einzelsprachen wurde auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten vorgestellt, die sich zum Teil als Universalien der Innovation und Konven- tionalisierung interpretieren lassen. Verbos leves, genauso wie temporale Hilfsverben, sind auf körperliche Quellkonzepte zurückführbar: HAND bzw. FUSS. Wie bei alle EMBODIMENT- Strategien, werden auch hier, durch mentaler Simulation bzw. sogenannten mental images, komplexe Prozesse durch zu Hilfenahme von konkreten und auch wahrnehmbaren Kör- perteilen ausgedrückt. Des Weiteren erlauben es die aufgezeigten Entwicklungsstufen auch Vorhersagen zu treffen: nicht darüber, wann eine Sprache diesem Weg folgt, aber wenn, dann in welcher Reihenfolge.

    Schließlich lassen sich die Erkenntnisse zu den verbos leves auch auf viele weitere verbale Sprachwandelprozesse übertragen. So wird zum Beispiel die Tatsache, dass man etwas begrif- fen oder verstanden hat, mit Hilfe von – auf den ersten Blick – einfachen sensomotorischen Handlungen wie einem dynamischen GREIFEN (< HAND) und einem statischen STEHEN (< FUSS) kodiert.

    Abschliessend kann das Zusammenspiel von Rede, Sprache und Kognition folgender- maßen dargestellt werden: Am Anfang steht die Kognition und legt das Muster fest. Die Rede treibt die Entwicklung voran, aber es ist die Beschaffenheit der jeweiligen Sprache, welche die Regeln festlegt, wie und in welchem Umfang sich Neuerungen ausbreiten.