Liane Ströbel

Portuguese vs. Brasilian

Entwicklungen der verbos leves im brasilianischen Portugiesischen wurden bereits aus- führlich von Vieira (2003a) untersucht. Sie basiert ihre Analyse auf drei Korpora: dem Corpus de Referência do Português Fundamental (Nascimento et al., 1987), dem Projeto APERJ (At- las Etnolinguistico dos pescadores do Estado do Rio de Janeiro) und dem Projeto NURC-RJ (Norma Urbana Culta). Die Ergebnisse werden hier nur skizziert: Im brasilianischen Por- tugiesischen hat das dynamische fazer das statische ter überholt, sowohl in der gesprochenen Sprache (ter: 242 Okkurenzen vs. fazer: 283) als auch in der geschriebenen Sprache (ter: 278 vs. fazer: 280). Zudem zeichnen sich durch die bereits hohe Frequenz von dar − in der geschriebenen Sprache (dar: 148) wie in der gesprochenen Sprache (dar: 61) − weitere Aus- dehnungen von verbo leve-Kombinationen mit dar ab. Diese Ergebnisse decken sich mit der Entwicklungsrichtung der verbos leves von statisch zu dynamisch zu dynamisch gerichtet, wie auch der Auxiliare (vgl. Ströbel 2010, 2011, 2014a, 2014b).

Generell spiegeln die Restriktionen in der Kombinierbarkeit von verbos leves und dever- balen Nomen den Grammatikalisierungsgrad der einzelnen verbos leves wider. So lässt sich ter mit fast allen Abstrakta verbinden und auch fazer ist flexibler in der Kombination mit de- verbalen Nomen als das sich jenseits der Grammatikalisierungsgrenze befindliche dar. Dies hält auch Borba (1996) in Uma Gramática de Valências para o Português fest. Er schätzt Verben, die sowohl Auxiliare als auch verbos leves sein können, in Kombination mit Abstrak- ta flexibler ein als Verben, die auf den verbo leve-Bereich beschränkt sind:

Quanto à distribuição levar-se-á em conta que os verbos-suporte disponíveis na língua não se combinam com qualquer nome abstrato. O grupo de ter/estar tem distribuição mais ampla que o grupo de fazer/dar. (Borba 1996, zitiert in Santana Neves 2009: 14)

Betrachtet man die Kombinationsfähigkeit von verbo leve-Konstruktionen, so fällt auf, dass diese teilweise Restriktionen im Bereich unbelebter Subjekte aufweisen (vgl. Beispiel 7). Dies zeigt sich vor allem beim Vergleich von europäischem und brasilianischem Portugiesisch. Während nach Duarte et al. (2009) und Gonçalves et al. (2010) Beispiel (7a) im brasilianis- chen Portugiesischen möglich ist, erscheint (7b) im europäischen Portugiesischen noch block- iert oder stark markiert zu sein, da hier nicht nur das Subjekt, sondern auch das Objekt (nach Aussage von Informanten) belebt sein muss (vgl. 7c). Beispiel (7d) ist sowohl im europäis- chen, wie auch im brasilianischen Portugiesischen nicht üblich:

(7) a. bras. pt. O João deu um empurrão ao carro que estava estacionado.
b. pt. ?/* O João deu um empurrão ao carro que estava estacionado.
c. bras. pt./ pt. O João deu um empurrão ao Pedro.
d. *A chuva deu um empurrão ao carro que estava estacionado. (Duarte et al. 2009: 48f.,

oder Gonçalves et al. 2010: 453)

Dies deckt sich mit der Hypothese von Ströbel (2010, 2011, 2014a, 2014b), dass verbo leve- Konstruktionen zuerst in der ersten Person auftauchen, zunächst auf belebte Subjekte (und Objekte) beschränkt bleiben und sich erst mit fortschreitender Grammatikalisierung langsam

 

ausdehnen. Teilweise sind daher bei fazer und dar einige verbo leve-Kombinationen mit un-

belebten Subjekt noch blockiert − anders als bei ter in Auxiliarfunktion: (8) a. O João tinha empurrado o carro que estava estacionado.

b. A chuva tinha empurrado o carro que estava estacionado. (Duarte et al. 2009: 48f. oder Gonçalves et al. 2010: 453)

Somit verhält sich das brasilianische Portugiesisch hier flexibler als das europäische Por- tugiesisch und das Spanische, wo folgende verbo leve-Kombinationen mit dar (noch) block- iert sind − oder zumindest stark diatopisch bzw. diastratisch niedrig markiert:

(9)

a. Deu uma esfriada hoje de manhã.
b. O copo deu uma quebrada.
c. A flor deu uma murchada, mas ainda está bonita.
d. Deixa sua malha dar mais uma secada, antes de você vestir.
e. Vou dar uma ouvida legal no seu CD.
f. Demos uma sentida no ambiente e saímos. (Rassi 2014: 2ff., Gonçalves 2008: 11)

Dies kann als ein Resultat der unterschiedlichen innerromanischer Grammatikalisierungs- grade von GEBEN (vgl. Kapitel 5, Abb.5) gewertet werden. Während das Spanische – aufgrund der noch nicht stattgefundenen Verdrängung im Auxiliarbereich von haber durch tener – sich bei dar konservativer verhält, erscheint das Portugiesische und vor allem das brasilianische Portugiesisch, gerade hier flexibler in der Kombinationsfähigkeit mit Abstrakta.

6.2 Ter, fazer und dar im Brasilianischen Portugiesisch
Abschliessen wird für das brasilianische Portugiesische die verschiedenen Kombinationsmö- glichkeiten von ter, fazer und dar aufgezeigt. Dabei soll das Konzept der aspektuellen Verb- klassen von Wendler (1967) − erweitert durch Van Valin und LaPolla (1997) − auf deverbale Nomen (vgl. Filip 1999) angewandt werden.

Ter ist ursprünglich ein statisches und duratives Verb (HABEN [< HALTEN]), das weder den Wechsel einer Handlung noch den Grund für das Ausführen einer Handlung impliziert. Auf- grund seines hohen Grammatikalisierungsgrades und dem damit einhergehenden Verlust des

semantischen Gehalts kann es sogar mit Abstrakta verbunden werden, die dynamische und

punktuelle Eigenschaften beinhalten. In Kombination mit ter versprachlichen sie verschiedene

Aspekte eines Prozesses: [+ZUSTAND], [+PROZESS], [+KULMINATIONSPROZESS], [+KULMINATIONSPUNKT] oder [+PUNKTUELL].

(10) a. A Maria teve uma vida fascinante. [+ZUSTAND]
b. Os turistas tiveram uma viagem agradável. [+PROZESS]
c. O edifício teve uma construção difícil. [+KULMINATIONSPROZESS]
d. O atleta teve uma chegada triunfal. [+KULMINATIONSPUNKT]
e. Cristiano Ronaldo teve um toque genial. [+PUNKTUELL] (Gonçalves et al. 2010: 456)

Zudem wird deutlich, dass ter die aspektuellen Eigenschaften des Abstraktums nicht verän- dert:

(11) a. O Pedro teve um passeio agradável (durante meia hora). b. A máquina teve uma montagem completa (em meia hora).

c. O helicóptero teve uma queda estrondosa (às dez da manhã). (Gonçalves et al. 2010: 456)

Fazer ist ein duratives dynamisches Verb (MACHEN: [+PROZESS], [-PUNKTUELL], [-ZUSTAND]). In Kombination mit deverbalen Nomen vom Typ [+PUNKTUELL] oder [+ZUSTAND] weist es teilweise Restriktionen (12a und b) auf:

(12) a. *O João fez uma vida. [+ZUSTAND]
b. *O João fez um espirro. [+PUNKTUELL]

vs.
c. O deputado fez um discurso. [+PROZESS]
d. O Pedro fez uma caminhada. [+PROZESS] (Gonçalves et al. 2010: 457)

Aufgrund des fortgeschrittenen Grammatikalisierungsgrades treten die ursprünglichen Charakteristika des Vollverbs und damit auch die Restriktionen, z.B. im Bereich [+PUNK- TUELL], zurück:

(13) a. O ladrão fez um assalto.

 

b. O exército fez um ataque à cidade.
c. O vento fez um estrago no telhado. (Gonçalves et al. 2010: 457)

Dar schliesslich impliziert eine punktuelle Kontaktsituation, nämlich den Wechsel eines Gegenstandes vom Subjekt zum Objekt der Äußerung (GEBEN). Daher ist pt. dar mit vielen deverbalen Nomen vom Typ [+PUNKTUELLER KONTAKT], [+PROZESS], [+/-WECHSEL], [+RE- SULTAT] etc. kombinierbar (17), jedoch nicht mit abstrakten Nomen vom Typ [+ZUSTAND] oder [+KULMINATIONSPUNKT] (18):

(14)

(15)

a. O João deu um passeio / uma corrida / uma caminhada. [+PROZESS] b. O Pedro deu uma pintura à casa. [+KULMINATIONSPROZESS]

c. O Pedro deu uma leitura ao artigo. [+KULMINATIONSPROZESS] (Gonçalves et al. 2010: 458)

a. *O João deu uma estada no Brasil. / *O João deu um gosto / uma vida. [+ZUSTAND]

b. *A Maria deu um nascimento/um assalto à casa. [+KULMINATIONSPUNKT] (Gonçalves et al. 2010: 461)

Die semantische Grundstruktur der einzelnen Bestandteile wie auch der verbo leve-Kombina- tion lässt sich auch wie folgt verdeutlichen:

(16)

(17)

dar um passeio
a. dar (verbo leve): [+PROZESS], [±WECHSEL], [±GRUND], [±DURATIV], [±PUNKTUELL] b. passeio: [+PROZESS], [-WECHSEL], [-GRUND], [+DURATIV], [-PUNKTUELL]
c. dar um passeio: [+PROZESS], [-WECHSEL], [-GRUND], [+DURATIV], [-PUNKTUELL]

(Gonçalves et al. 2010: 461)

dar uma estada
a. dar (verbo leve): [+PROZESS], [±WECHSEL], [±GRUND], [±DURATIV], [±PUNKTUELL]

b. estada: [-PROZESS], [-WECHSEL], [-GRUND], [+DURATIV], [-PUNKTUELL]

c. dar uma estada: [-PROZESS], [-WECHSEL], [-GRUND], [+DURATIV], [-PUNKTUELL] (Gonçalves et al. 2010: 461)

Es zeigt sich auch hier, dass die Grammatikalisierungsgrenze (vgl. Kapitel 5) eine Rolle spielt. Während das jenseits dieser Grenze liegende dar noch höheren Restriktionen unterwor- fen ist und meist nur gleiche Parameterwerte zulässt, verhalten sich die Verben innerhalb bzw.

links dieser Abgrenzung (vgl. Abb.5) flexibler und lassen auch Kombinationen mit unter- schiedlichen Werten zu, z.B. (12) Cristiano Ronaldo teve [-PUNKTUELL] um toque [+PUNK- TUELL] genial (Gonçalves et al. 2010: 456f.).