Liane Ströbel

Buch: Leerverben/Transitive Kopulae

 

There is a certain amount of knowledge we possess,

there is a certain amount of knowledge we still have to conquer,

but in between there are open doors.”(W. Blake)

1. Auf den Spuren der Entstehung einer neuen Kategorie: „Leerverben als paralleler Kopulastrang und (ursprünglich) explizites Präsens“

1.1 „Sein“ und „haben“ als Euroversal

1.2 „Haben“ als paralleler Kopulastrang

2. Leerverben und Leerverbgefüge aus synchroner Sicht

2.1 Leerverben und Leerverbgefüge aus semantisch-lexikalischer Sicht

2.1.1 Leerverben als „Linking Element“

2.1.2 Das Prädikatsnomen als semantischer Kern des Leerverbgefüges

2.2 Leerverben und Leerverbgefüge aus formal-syntaktischer Sicht

2.2.1 Leerverben als Prädikatisierungsmorphem und Leerverbgefüge als analytische Verben

2.2.2 Die Struktur von Leerverben und Leerverbgefügen

2.3 Leerverben und Leerverbgefüge aus funktioneller Sicht

2.3.1 Leerverben, Quasi-Leerverben und Semi-Leerverben

2.3.2 Effizierende Verben

2.3.3 Modalverben und aktionsartverändernde Verben

2.3.4 Idiomatisch- markierte Verbindungen

2.4 Das Scherendilemma Leerverben als grammatisch- geschlossene & Leerverbgefüge als lexikalisch-offene Klasse

2.4.1 Funktionselemente vs. Inhaltselemente

2.4.2 Leerverben als relativ geschlossene Klasse

2.4.3 Leerverbgefüge als relativ offene Klasse

2.5 Leerverben als verbale Funktionselemente der Sprache

3. Leerverben und Leerverbgefüge aus typologischer Sicht

3.1 Leerverben & Leerverbgefüge im Chinesischen

3.1.1 „Shì 是“ und „yǒu 有“

3.1.2 Potentielle Leerverbgefüge im Chinesischen

3.2 Leerverben & Leerverbgefüge im Japanischen

3.2.1 „Iru いる“ und „aru ある“

3.2.2 Leerverbgefüge vom Typ „suruする“

3.3 Leerverben & Leerverbgefüge im Türkischen

3.3.1 „Sein“ und „haben“ im Türkischen

3.3.2 Leerverbgefüge vom Typ „etmek“ und „yapmak“

3.4 Leerverben & Leerverbgefüge im Ewe

3.4.1 Entsprechungen von “sein” und “haben” im Ewe

3.4.2 Serial-Verb-Verbindungen und Leerverbgefüge vom Typ „wo“ im Ewe

3.5 Leerverben und Leerverbgefüge innerhalb und außerhalb der ROM+ Sprachen

4. Leerverben und Leerverbgefüge aus diachroner Sicht

4.1 Leerverben und Leerverbgefüge als Produkt von Grammatikalisierung, Reanalyse und Analogie

4.1.1 Leerverben als Grammatikalisierungsprodukt

4.1.2 Mechanismen der Grammatikalisierung

4.2 Schemata der Grammatikalisierung von Leerverben

4.2.1 Die Notwendigkeit eines Musters als Orientierungshilfe für Grammatikalisierungsprozesse

4.2.2 Wahl „in absentia“ (Metapher) vs. „in praesentia“ (Metonymie)

4.2.3 Die doppelte Translation von Leerverbgefügen

4.2.4 Die Leerverbstrategie – Leerverben als ‚explizites Präsens’

4.3 Richtung des Grammatikalisierungsprozesses

4.3.1 Basic-Level-Konzepte als Ausgangspunkt verbaler Grammatikalisierungsprodukte

4.3.2 Überschneidungen im Funktionsbereich von „sein“ und „haben“ und ihre Konsequenzen

4.3.3 Die Motivation der Verdrängung einer Form aus Teilen ihres Funktionsbereichs am Beispiel von sp. ser und estar

4.3.4 Grammatikalisierungszyklen ohne Synthetisierung am Beispiel von „haben“ vs.„halten, machen, geben etc“

4.4 Integration von Leerverbgefügen im Sprachsystem

4.4.1 Der langsame „Siegeszug“ von Leerverben und Leerverbgefügen

4.4.2 Unabhängigkeitserklärung der Leerverben

4.5 Die Faszination von Funktionselementen oder “junk makes the world go around“

5.Glossar

Auf den Spuren der Entstehung einer neuen Kategorie –

Leerverben als paralleler Kopulastrang und explizites Präsens

Ausgehend von der Erkenntnis, dass sich die Verben „sein“ und „haben“ in vielen Funktionsbereichen annähern, wurde sich in dieser Arbeit auf eine Spurensuche nach der Existenz eines zur Kopula parallelen Strangs von „Leerverben“ begeben.
Bei der Herausarbeitung der Charakteristika von Leerverben und Leerverbgefügen fiel, neben der Tatsache des Hineindringens weiterer verwandter Konzepte in den Leerverbbereich, vor allem die Heterogenität des Funktionsverbbereichs per se auf.

Die Spurensuche endete –zumindest aus synchroner Sicht- mit einer Neueinteilung des Funktionsverbbereichs und der Aufzeigung distinktiver Merkmale, die es ermöglichten, Leerverben von weiteren Funktionsverben und Leerverbgefüge von weiteren verbo- nominalen Verbindungen abzugrenzen.

Aus typologischer Sicht wurde die Spurensuche außerhalb der ROM+ Sprachen (Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und Englisch) im Chinesischen, Japanischen, Türkischen und Ewe fortgesetzt, wobei vor allem Parallelen zwischen dem Hineindrängen von Quasi-Leerverben in den Leerverbbereich der ROM+ Sprachen mit dem Ausfüllen des Leerverbbereichs außerhalb der ROM+ Sprachen durch diese Verben ins Auge stachen.

Die Kombination der Erkenntnisse des synchronen und typologischen Kapitels führte im diachronen Teil zur Erstellung einer Theorie, die hinter der Entstehung von Leerverben nicht nur ein Muster (Bezug zum Produzenten) aufzeigte, sondern auch eine dahinter liegende Strategie (~Goal Schema). Mit Hilfe des Musters und der Strategie konnte nicht nur das Material und die Motivation der Entstehung von Leerverben, sondern auch das Hineindringen weiterer verwandter Konzepte in diesen Bereich erklärt werden.

Im diachronen Teil wurden zudem die Ergebnisse der Spurensuche, gegliedert nach den bei der Herauskristallisierung von Leerverben beteiligten Prozessen (Grammatikalisierung, Reanalyse und Analogie), und mit Betonung sprachlicher Besonderheiten bei der Entstehung von Leerverbgefügen, wie z.B. des Einflusses von Metonymie (Prozess „in praesentia“) und die Konsequenzen einer nur kognitiven Synthetisierung, dargelegt.

Zusammenfassend können als Ergebnis der synchronen, typologischen und diachronen Spurensuche folgende Punkte gewertet werden:
Erstens die Etablierung eines zur Kopula parallelen Strangs von Leerverben mit dem Prototyp „haben“ als „Prädikatisierungsmorphem“ und eine damit verbundene Neueinteilung des Verbalbereichs.

Zweitens das Aufzeigen von Kardinalspunkten (bzw. eines gemeinsamen Ursprungs von verbalen Grammatikalisierungsprozessen) und Entwicklungssträngen, welche bereits einsetzende Grammatikalisierungsprozesse im Verbalbereich nicht nur sichtbar, sondern auch zukünftige Entwicklungen teilweise prognostizierbar machen.

Drittens die Aufdeckung der hinter der Entstehung von Leerverben verborgenen Motivation, die Leerverbgefüge ausgehend vom Prototyp „haben + Prädikatsnomen“ (parallel zum „haben“-Perfekt oder synthetischen Futur [<“haben“]) als „explizites Präsens“ im Sprachsystem situiert. Die Ergebnisse der Spurensuche illustrieren darüber hinaus ein weit aus größeres sprachliches Phänomen, nämlich das Schöpfen der Sprache aus der eigenen Quelle.

Die Entwicklung von Leerverben und Leerverbgefügen kann als Beispiel dafür erachtet werden, dass es im Bereich der Grammatik, im Gegensatz zur Lexik, im doppelten Sinn nicht zu etwas „Neuem“ kommt. Weder wird aus semantischer Sicht eine völlig neue Bedeutung verwendet noch, wird eine neue Form erschaffen, sondern es wird einer in der Sprache bereits bestehenden Form ein neuer Funktionsbereich zugewiesen.