Liane Ströbel

Das Prädikatsnomen als semantischer Kern des Leerverbgefüges

Innerhalb von Verb-Nomen-Verbindungen lassen sich allgemein (in Bezug auf die Beschaffenheit des Subjekts und des Objekts) verschiedene Kombinationen erkennen. Das Subjekt, wie auch das Objekt kann belebt (fr. L’orateur a beaucoup d’auditeurs.) bzw. unbelebt sein (fr. Notre maison a un grand jardin.). Das Subjekt kann belebt, das Objekt unbelebt (fr. Pierre a des beaux yeux.) oder umgekehrt, das Subjekt unbelebt und Objekt belebt sein (fr. La ville a 12000 habitants.).

Im Hinblick auf die Beschaffenheit des Nomen in Verb-Nomen-Verbindungen lassen sich grob drei Gruppen feststellen:

– nämlich erstens Verbindungen mit belebten Nomen (z.B. dt. Er hat einen Bruder.),
– zweitens Verbindungen mit Konkreta bzw. Gegenständen und Dingen (z.B. dt. einen Hut, ein Auto, einen Stock, Geld etc. haben), bei denen das Verb noch in reiner „Vollverb“– Bedeutung („haben“, ~ Possessiv) verwendet wird
– und drittens Verbindungen mit abstrakten Nomen.

Wie im diachronen Kapitel noch verdeutlicht wird, ist davon auszugehen, dass alle Verbindungen zuerst –da ausgehend vom Produzenten der Äußerung- mit belebten Subjekt auftauchten und erst in einer späteren Entwicklungsphase sich weiter ausdehnten und auch mit unbelebten Subjekten kombinierbar wurden.

Die Ausweitung der Kombinierbarkeit von „haben“ im Allgemeinen (als VV und LV) mit Nomen spielte sich –wie im vierten Kapitel noch verdeutlicht wird- in mehreren Stufen ab, wobei die Entstehung von Leerverbgefügen eine Weiterentwicklung bzw. eine Funktionsausdehnung der vorherigen Stufen darstellt.

Die einzelnen Stufen auf dem Weg zu Leerverbgefügen lassen sich vereinfacht folgendermaßen darstellen:

1. Stufe: Kombinierbarkeit von „haben“ mit (in der Kommunikationssituation sichtbaren und) greifbaren bzw. in der Hand haltbaren Gegenständen (VNV)

2. Stufe: Kombinierbarkeit von „haben“ (mit in der Kommunikationssituation sichtbaren, aber) nicht unbedingt greifbaren und/oder in der Hand haltbaren Dingen (VNV)

3. Stufe: Kombinierbarkeit von „haben“ mit (in der Kommunikationssituation nicht-sichtbaren und) Abstrakta (LVG)

1. Auf den Spuren der Entstehung einer neuen Kategorie: „Leerverben als paralleler Kopulastrang und (ursprünglich) explizites Präsens“

1.1 „Sein“ und „haben“ als Euroversal

1.2 „Haben“ als paralleler Kopulastrang

2. Leerverben und Leerverbgefüge aus synchroner Sicht

2.1 Leerverben und Leerverbgefüge aus semantisch-lexikalischer Sicht

2.1.1 Leerverben als „Linking Element“

2.1.2 Das Prädikatsnomen als semantischer Kern des Leerverbgefüges

2.2 Leerverben und Leerverbgefüge aus formal-syntaktischer Sicht

2.2.1 Leerverben als Prädikatisierungsmorphem und Leerverbgefüge als analytische Verben

2.2.2 Die Struktur von Leerverben und Leerverbgefügen

2.3 Leerverben und Leerverbgefüge aus funktioneller Sicht

2.3.1 Leerverben, Quasi-Leerverben und Semi-Leerverben

2.3.2 Effizierende Verben

2.3.3 Modalverben und aktionsartverändernde Verben

2.3.4 Idiomatisch- markierte Verbindungen

2.4 Das Scherendilemma Leerverben als grammatisch- geschlossene & Leerverbgefüge als lexikalisch-offene Klasse

2.4.1 Funktionselemente vs. Inhaltselemente

2.4.2 Leerverben als relativ geschlossene Klasse

2.4.3 Leerverbgefüge als relativ offene Klasse

2.5 Leerverben als verbale Funktionselemente der Sprache

3. Leerverben und Leerverbgefüge aus typologischer Sicht

3.1 Leerverben & Leerverbgefüge im Chinesischen

3.1.1 „Shì 是“ und „yǒu 有“

3.1.2 Potentielle Leerverbgefüge im Chinesischen

3.2 Leerverben & Leerverbgefüge im Japanischen

3.2.1 „Iru いる“ und „aru ある“

3.2.2 Leerverbgefüge vom Typ „suruする“

3.3 Leerverben & Leerverbgefüge im Türkischen

3.3.1 „Sein“ und „haben“ im Türkischen

3.3.2 Leerverbgefüge vom Typ „etmek“ und „yapmak“

3.4 Leerverben & Leerverbgefüge im Ewe

3.4.1 Entsprechungen von “sein” und “haben” im Ewe

3.4.2 Serial-Verb-Verbindungen und Leerverbgefüge vom Typ „wo“ im Ewe

3.5 Leerverben und Leerverbgefüge innerhalb und außerhalb der ROM+ Sprachen

4. Leerverben und Leerverbgefüge aus diachroner Sicht

4.1 Leerverben und Leerverbgefüge als Produkt von Grammatikalisierung, Reanalyse und Analogie

4.1.1 Leerverben als Grammatikalisierungsprodukt

4.1.2 Mechanismen der Grammatikalisierung

4.2 Schemata der Grammatikalisierung von Leerverben

4.2.1 Die Notwendigkeit eines Musters als Orientierungshilfe für Grammatikalisierungsprozesse

4.2.2 Wahl „in absentia“ (Metapher) vs. „in praesentia“ (Metonymie)

4.2.3 Die doppelte Translation von Leerverbgefügen

4.2.4 Die Leerverbstrategie – Leerverben als ‚explizites Präsens’

4.3 Richtung des Grammatikalisierungsprozesses

4.3.1 Basic-Level-Konzepte als Ausgangspunkt verbaler Grammatikalisierungsprodukte

4.3.2 Überschneidungen im Funktionsbereich von „sein“ und „haben“ und ihre Konsequenzen

4.3.3 Die Motivation der Verdrängung einer Form aus Teilen ihres Funktionsbereichs am Beispiel von sp. ser und estar

4.3.4 Grammatikalisierungszyklen ohne Synthetisierung am Beispiel von „haben“ vs.„halten, machen, geben etc“

4.4 Integration von Leerverbgefügen im Sprachsystem

4.4.1 Der langsame „Siegeszug“ von Leerverben und Leerverbgefügen

4.4.2 Unabhängigkeitserklärung der Leerverben

4.5 Die Faszination von Funktionselementen oder “junk makes the world go around“

5.Glossar