Liane Ströbel

Die Faszination von Funktionselementen oder “junk makes the world go around“

„With everyday use, our language is constantly changing.
New patterns emerge, which may lead to language variation and, ultimately, to grammaticalization of the patterns.” (Vgl. Hopper 1998 oder Tao in Wischer/Diewald (2002: 277))

(…)

Abschließend lässt sich die hinter der Entstehung von Leerverben steckende „Leerverbstrategie“ folgendermaßen kurz zusammenfassen: Um eine Form näher an die Kommunikationssituation zu ziehen, wird eine analytische und daher schon auffälligere (~expressivere) Form verwendet. Die expressivere Wendung soll die Handlung durch eine stärkere Bindung an [den Körper des] Produzenten (X) betonen bzw. dieser Nachdruck verleihen. Sobald – z.B. aufgrund weitere Verschiebungen bzw. Grammatikalisierungsprozesse in der Sprache- die verwendete Form an Expressivität verliert, wird auf eine mit dem ursprünglichen Muster verwandte Form (~ Nähe Körper des Produzenten) zurückgegriffen.

Mit wachsender Frequenz und Nutzung der Leerverbgefüge als Behelfsmittel, um Satzabbrüchen entgegen zu wirken, oder vor allem um Fremdwörter in die Sprache einzubetten, tritt dieses Charakteristikum von Leerverbgefügen immer weiter zurück und öffnet gleichzeitig die Tür für das Eindringen verwandter Konzepte in diesen Funktionsbereich.

Die Darstellung der Entwicklungsstufen von „haben“ als Prototyp der Leerverben in den ROM+ Sprachen und die Aufzeichnung dahinter liegender Muster und Prozesse erlaubt, bestehende Veränderungen innerhalb des Verbalbereichs zu konstatieren, bereits angefangene Prozesse zu erkennen, und Prognosen, wenn auch keine Richtlinien, für zukünftige Grammatikalisierungsprozesse aufzustellen.

Am Beispiel von Leerverben zeigt sich, dass Sprache per se bzw. das Sprachsystem als ein Kontinuum von sprachlichen Möglichkeiten betrachtet werden kann. Der Kern dieses Kontinuums wird durch grammatische und lexikalische Strukturen zusammengehalten und ist eingebettet in einen Toleranzbereich, in welchem sich das Material für kommende Formen und Strukturen befindet.

Während der Stellenwert der Elemente (Inhaltselemente und Funktionselemente) im Kern fest definiert ist, werden Erscheinungen im Toleranzbereich der Sprache (z.B. angehende Funktionselemente) meist nur „geduldet“ bzw. als „junk“ betrachtet.
Dabei wird gerade außer Acht gelassen, dass es dieser „junk“ ist, der die Flexibilität bzw. den Fortbestand einer Sprache gewährleistet, vgl.:

“[…] ‚junk makes the world go around’. Languages are constantly losing (relatively) ‚deep’ contrasts, but retaining the ‚surface’ material that used to underwrite them, and then (if they don’t dump it), reusing it for new purposes, often at quite different structural levels. In fact junk is crucial, because if languages were ‚perfect’ systems they’d have no room for play, and hence no freedom to change.” (Lass (1997: 317f) zitiert in Norde in Wischer/Diewald (2002: 53))

Vielfach wird der Übergang von einem Inhaltselement (z.B. Vollverb) zu einem Funktionselement (z.B. Leerverb) und dem damit verbundenen Verlust des semantischen Gewichts als ein sprachliches „Paradoxon“ betrachtet, vgl.:

„Since the purpose of language is the coding of meaning, the very fact that copula exist seems to lead this most basic assumption about language ad absurdum.” (Pustet (2005: 186))

Der Eindruck eines „Paradoxon“ entsteht aber nur auf den ersten Blick. Am Beispiel von Leerverben und Kopula (und auch weiteren Hilfsverben) wurde deutlich, dass der Verlust des semantischen Gehalts durch einen Gewinn an Funktionalität mehr als ausgeglichen wird. Somit muss bei Betrachtung der Funktionalität von Funktionselementen im Allgemeinen und von Leerverben im Besonderen, der Eindruck eines „Paradoxons“ revidiert werden. Funktionselement stellen keinen „morphosyntactic ballast” dar, sondern können eher als Motor für Sprachwandel betrachtet werden. Diese entleerten und somit von ihrer Aufgabe (der sprachlichen Kodierung von Bedeutungen) entbundenen Formen stellen den Ansatzpunkt für etwas Neues dar.

Mit Hilfe des Prototyps „haben“ kann eine vergangene (vgl. Perfekt), zukünftige (vgl. synthetisches Futur) oder gegenwärtige (vgl. LVG, ~explizites Präsens) Handlung bzw. Aussage in der Kommunikationssituation verankert werden bzw. durch „haben“ wird eine in der konkreten Kommunikationssituation NICHT-SICHTBARE (da bereits vergangene, noch zukünftige oder abstrakte) Handlung bzw. Aussage zumindest sprachlich SICHTBAR gemacht.

Die Spurensuche nach einer „neuen“ Kategorie, auf die man sich in dieser Arbeit begeben hat, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

Am Beispiel des Prototyps der Leerverben („haben“) wurde der Übergang eines Inhaltselements (VV) zu einem Funktionselement (LV) und die dahinter liegende Motivation und Strategie aufgezeigt und Leerverben als eine neue Untergruppe von Funktionselementen vorgestellt und Leerverbgefüge als (ursprünglich) explizites Präsens etabliert.

Darüber hinaus wurde mit Hilfe von Leerverbgefügen die Thematik des Zusammenspiels von Inhalts- und Funktionselementen betont und Charakteristika dieser Verbindung herausgearbeitet, vgl.:

„Shici haobi zhuan, wa, shitou, xuci haobi ginghui, sanhetu. Zhuan, wa, shitou guran shi zhongyao de;
danshi ruguo queshaole ginghui, sanhetu, fangzi haishi zao bu gilai.“

(„Begriffswörter gleichen den Ziegeln, Dachziegeln und Bausteinen, Funktionswörter gleichen dem Mörtel.
Ziegel, Dachziegel und Bausteine sind zwar wichtig,
aber wenn der Mörtel fehlt, kann man trotzdem kein Haus bauen.“, Wang Li (1985: 356), Krüger (1992: 1))

Wie im chinesischen Zitat zu Beginn dieser Arbeit angedeutet, welches jetzt auch das Ende der Spurensuche nach einer neuen Kategorie markiert, hat sich die Vermutung bestätigt, dass Leerverben bzw. Funktionselemente im Allgemeinen innerhalb einer Sprache als funktionelles Gerüst („Mörtel“) bzw. Skelett für semantisch und lexikalisch gehaltvollere Zeichen fungieren. Die Form und die Beschaffenheit des sprachlichen Skeletts bestimmt dabei maßgeblich und nachhaltig das „Aussehen“ bzw. „Erscheinungsbild“ einer Sprache, wobei die Beziehungen untereinander bzw. das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente als Venen und Muskeln der Sprache betrachtet werden können.

Am Beispiel von Leerverben wurde dabei deutlich, dass es innerhalb eines bestimmten sprachlichen Bereichs bereits eine bestimmte Anzahl von Funktionselementen gibt, einige weitere Funktionselemente (Quasi-Leerverben) sich bereits ankündigen bzw. erahnen lassen und weitere potentielle Kandidaten (Semi-Leerverben) im sprachlichen Pool noch versteckt sind.

1. Auf den Spuren der Entstehung einer neuen Kategorie: „Leerverben als paralleler Kopulastrang und (ursprünglich) explizites Präsens“

1.1 „Sein“ und „haben“ als Euroversal

1.2 „Haben“ als paralleler Kopulastrang

2. Leerverben und Leerverbgefüge aus synchroner Sicht

2.1 Leerverben und Leerverbgefüge aus semantisch-lexikalischer Sicht

2.1.1 Leerverben als „Linking Element“

2.1.2 Das Prädikatsnomen als semantischer Kern des Leerverbgefüges

2.2 Leerverben und Leerverbgefüge aus formal-syntaktischer Sicht

2.2.1 Leerverben als Prädikatisierungsmorphem und Leerverbgefüge als analytische Verben

2.2.2 Die Struktur von Leerverben und Leerverbgefügen

2.3 Leerverben und Leerverbgefüge aus funktioneller Sicht

2.3.1 Leerverben, Quasi-Leerverben und Semi-Leerverben

2.3.2 Effizierende Verben

2.3.3 Modalverben und aktionsartverändernde Verben

2.3.4 Idiomatisch- markierte Verbindungen

2.4 Das Scherendilemma Leerverben als grammatisch- geschlossene & Leerverbgefüge als lexikalisch-offene Klasse

2.4.1 Funktionselemente vs. Inhaltselemente

2.4.2 Leerverben als relativ geschlossene Klasse

2.4.3 Leerverbgefüge als relativ offene Klasse

2.5 Leerverben als verbale Funktionselemente der Sprache

3. Leerverben und Leerverbgefüge aus typologischer Sicht

3.1 Leerverben & Leerverbgefüge im Chinesischen

3.1.1 „Shì 是“ und „yǒu 有“

3.1.2 Potentielle Leerverbgefüge im Chinesischen

3.2 Leerverben & Leerverbgefüge im Japanischen

3.2.1 „Iru いる“ und „aru ある“

3.2.2 Leerverbgefüge vom Typ „suruする“

3.3 Leerverben & Leerverbgefüge im Türkischen

3.3.1 „Sein“ und „haben“ im Türkischen

3.3.2 Leerverbgefüge vom Typ „etmek“ und „yapmak“

3.4 Leerverben & Leerverbgefüge im Ewe

3.4.1 Entsprechungen von “sein” und “haben” im Ewe

3.4.2 Serial-Verb-Verbindungen und Leerverbgefüge vom Typ „wo“ im Ewe

3.5 Leerverben und Leerverbgefüge innerhalb und außerhalb der ROM+ Sprachen

4. Leerverben und Leerverbgefüge aus diachroner Sicht

4.1 Leerverben und Leerverbgefüge als Produkt von Grammatikalisierung, Reanalyse und Analogie

4.1.1 Leerverben als Grammatikalisierungsprodukt

4.1.2 Mechanismen der Grammatikalisierung

4.2 Schemata der Grammatikalisierung von Leerverben

4.2.1 Die Notwendigkeit eines Musters als Orientierungshilfe für Grammatikalisierungsprozesse

4.2.2 Wahl „in absentia“ (Metapher) vs. „in praesentia“ (Metonymie)

4.2.3 Die doppelte Translation von Leerverbgefügen

4.2.4 Die Leerverbstrategie – Leerverben als ‚explizites Präsens’

4.3 Richtung des Grammatikalisierungsprozesses

4.3.1 Basic-Level-Konzepte als Ausgangspunkt verbaler Grammatikalisierungsprodukte

4.3.2 Überschneidungen im Funktionsbereich von „sein“ und „haben“ und ihre Konsequenzen

4.3.3 Die Motivation der Verdrängung einer Form aus Teilen ihres Funktionsbereichs am Beispiel von sp. ser und estar

4.3.4 Grammatikalisierungszyklen ohne Synthetisierung am Beispiel von „haben“ vs.„halten, machen, geben etc“

4.4 Integration von Leerverbgefügen im Sprachsystem

4.4.1 Der langsame „Siegeszug“ von Leerverben und Leerverbgefügen

4.4.2 Unabhängigkeitserklärung der Leerverben

4.5 Die Faszination von Funktionselementen oder “junk makes the world go around“

5.Glossar