Liane Ströbel

Die Leerverbstrategie – Leerverben als ‚explizites Präsens’

Der Ausgangspunkt für Grammatikalisierungsprozesse im Allgemeinen findet sich in der konkreten (face-to-face) Kommunikationssituation. Die Kommunikationssituation entspricht im Folgenden einer Art „Käseglocke“. Die gläserne Wand der „Käseglocke“ wird durch den gemeinsamen sprachlichen Kode gebildet, welcher nicht unbedingt nur aus einer Einzelsprache, sondern auch aus mehreren Einzelsprachen bestehen kann. Der Kode bzw. die Wand der Käseglocke überdacht den Produzenten/Sprecher und den Rezipienten/Hörer und stellt gleichzeitig eine Trennwand -zwischen der Kommunikationssituation und der außersprachlichen Wirklichkeit bzw. zwischen „sichtbaren“ und „nicht-sichtbaren“ Elementen- dar.

Sichtbar ist in dieser Kommunikation zum einen nur was in Zeigenähe sich von Produzent und Rezipient befindet bzw. der Produzent und der Rezipient selbst. Wird auf etwas anderes verwiesen, muss diese „Käseglocke“ zumindest sprachlich verlassen werden und Elemente der außersprachlichen Wirklichkeit in diese „Käseglocke“ ziehen. Behilft sich der Produzent mit dem „Material“, welches ihm in der Kommunikationssituation zur Verfügung steht und zwar in jeder beliebigen Kommunikationssituation, dann handelt es sich –wie bereits verdeutlicht- um einen Prozess „in praesentia“. Prozesse „in praesentia“ sind aufgrund ihrer universalen Verwendbarkeit auf den Körper des Produzenten (bzw. Elemente in unmittelbarer Reichweite in der konkreten Kommunikationssituation) beschränkt. Es handelt sich hierbei um die Kardinalspunkte (Körper an sich, Kopf, Arme, Beine etc.).

Verlässt der Produzent jedoch die Kommunikationssituation sprachlich und schöpft aus dem Weltwissen der Kommunikationsteilnehmer bzw. des Rezipienten, dann handelt es sich um einen Prozess „in absentia“.

1. Auf den Spuren der Entstehung einer neuen Kategorie: „Leerverben als paralleler Kopulastrang und (ursprünglich) explizites Präsens“

1.1 „Sein“ und „haben“ als Euroversal

1.2 „Haben“ als paralleler Kopulastrang

2. Leerverben und Leerverbgefüge aus synchroner Sicht

2.1 Leerverben und Leerverbgefüge aus semantisch-lexikalischer Sicht

2.1.1 Leerverben als „Linking Element“

2.1.2 Das Prädikatsnomen als semantischer Kern des Leerverbgefüges

2.2 Leerverben und Leerverbgefüge aus formal-syntaktischer Sicht

2.2.1 Leerverben als Prädikatisierungsmorphem und Leerverbgefüge als analytische Verben

2.2.2 Die Struktur von Leerverben und Leerverbgefügen

2.3 Leerverben und Leerverbgefüge aus funktioneller Sicht

2.3.1 Leerverben, Quasi-Leerverben und Semi-Leerverben

2.3.2 Effizierende Verben

2.3.3 Modalverben und aktionsartverändernde Verben

2.3.4 Idiomatisch- markierte Verbindungen

2.4 Das Scherendilemma Leerverben als grammatisch- geschlossene & Leerverbgefüge als lexikalisch-offene Klasse

2.4.1 Funktionselemente vs. Inhaltselemente

2.4.2 Leerverben als relativ geschlossene Klasse

2.4.3 Leerverbgefüge als relativ offene Klasse

2.5 Leerverben als verbale Funktionselemente der Sprache

3. Leerverben und Leerverbgefüge aus typologischer Sicht

3.1 Leerverben & Leerverbgefüge im Chinesischen

3.1.1 „Shì 是“ und „yǒu 有“

3.1.2 Potentielle Leerverbgefüge im Chinesischen

3.2 Leerverben & Leerverbgefüge im Japanischen

3.2.1 „Iru いる“ und „aru ある“

3.2.2 Leerverbgefüge vom Typ „suruする“

3.3 Leerverben & Leerverbgefüge im Türkischen

3.3.1 „Sein“ und „haben“ im Türkischen

3.3.2 Leerverbgefüge vom Typ „etmek“ und „yapmak“

3.4 Leerverben & Leerverbgefüge im Ewe

3.4.1 Entsprechungen von “sein” und “haben” im Ewe

3.4.2 Serial-Verb-Verbindungen und Leerverbgefüge vom Typ „wo“ im Ewe

3.5 Leerverben und Leerverbgefüge innerhalb und außerhalb der ROM+ Sprachen

4. Leerverben und Leerverbgefüge aus diachroner Sicht

4.1 Leerverben und Leerverbgefüge als Produkt von Grammatikalisierung, Reanalyse und Analogie

4.1.1 Leerverben als Grammatikalisierungsprodukt

4.1.2 Mechanismen der Grammatikalisierung

4.2 Schemata der Grammatikalisierung von Leerverben

4.2.1 Die Notwendigkeit eines Musters als Orientierungshilfe für Grammatikalisierungsprozesse

4.2.2 Wahl „in absentia“ (Metapher) vs. „in praesentia“ (Metonymie)

4.2.3 Die doppelte Translation von Leerverbgefügen

4.2.4 Die Leerverbstrategie – Leerverben als ‚explizites Präsens’

4.3 Richtung des Grammatikalisierungsprozesses

4.3.1 Basic-Level-Konzepte als Ausgangspunkt verbaler Grammatikalisierungsprodukte

4.3.2 Überschneidungen im Funktionsbereich von „sein“ und „haben“ und ihre Konsequenzen

4.3.3 Die Motivation der Verdrängung einer Form aus Teilen ihres Funktionsbereichs am Beispiel von sp. ser und estar

4.3.4 Grammatikalisierungszyklen ohne Synthetisierung am Beispiel von „haben“ vs.„halten, machen, geben etc“

4.4 Integration von Leerverbgefügen im Sprachsystem

4.4.1 Der langsame „Siegeszug“ von Leerverben und Leerverbgefügen

4.4.2 Unabhängigkeitserklärung der Leerverben

4.5 Die Faszination von Funktionselementen oder “junk makes the world go around“

5.Glossar