Liane Ströbel

Leerverben als verbale Funktionselemente der Sprache

Innerhalb einer Sprache fungieren Leerverben (bzw. Funktionselemente) als funktionelles Gerüst bzw. sprachliches „Skelett“ für semantisch und lexikalisch gehaltvollere Zeichen (Inhaltselemente).
Der Unterschied zwischen Hilfsverben (Leerverben, Kopula bzw. allgemein grammatischen Zeichen) und lexikalisch gehaltvolleren Zeichen (vgl. Inhaltswörtern, Funktionsverben etc.) zeigt sich nicht nur in der Abnahme bzw. des Verlusts des semantischen Gewichts bei gleichzeitiger Zunahme der Funktionalität, sondern auch in weiteren Punkten, wie z.B. den Grad der Bindung der Aussage (Y) an den Produzenten (X) und der Homogenität der Gruppe.

Funktionselemente, zu denen Leerverben und Kopula gehören, verhalten sich umgekehrt proportional zu Inhaltselementen, wie z.B. Vollverben und idiomatisch-markierte Verben. Während bei ersteren die grammatische Funktionalität, welche u.a die Verstärkung der Bindung zwischen X (Produzent) und Y (Aussage/Prädikatsnomen) beinhaltet, dominiert und der semantische Gehalt rezessiv ist, ist bei letzteren vor allem der semantische Gehalt dominant. Ein grundlegender Unterschied kann auch in der Zusammensetzung der Gruppen gesehen werden. Bei Vollverben und idiomatisch- markierten Verben handelt es sich um eine offene Ansammlung loser Wortfelder, wohingegen die Gruppe der Leerverben (ähnliches gilt für die Kopula bzw. grammatische Zeichen im Allgemeinen) sehr homogen ist und sich eindeutige Abgrenzungskriterien feststellen lassen.

Zwischen diesen beiden Polen (verbalen Funktionselementen vs. verbalen Inhaltselemente) stehen –absteigend nach ihrem semantischen Gehalt- aktionsartverändernde bzw. phasenspezifizierende Verben, Modalverben und effizierende Verben.

Aktionsartverändernde bzw. phasenspezifizierende Verben, Modalverben und effizierende Verben befinden sich in einer Art „Übergangsphase“. Ihr semantischer Gehalt ist reduziert, ihre grammatische Funktionalität hingegen (u.a. auch die Betonung der Bindung zwischen X und Y) nimmt zu.

Bei aktionsartverändernden bzw. phasenspezifizierenden Verben deuten sich diese Veränderungen nicht nur im semantischen und grammatischen Bereich, sondern auch in der Abgrenzbarkeit zu anderen Verbgruppen an. Bei Modalverben handelt es sich bereits um eine sehr homogene Gruppe bzw. die Abgrenzung zu anderen Verben ist bei Modalverben bereits abgeschlossen.

Von diesen drei Verbgruppen stehen effizierende Verben den Leerverben am nähesten, da der Informationsgehalt aus semantischer Sicht meist relativ gering ist, während die Bindung zwischen X zu Y gleichzeitig gestärkt wird.
Allgemein stellen die Verben innerhalb dieser „Übergangsphase“ zwischen Lexik und Grammatik den „Pool“ für weitere Leerverben bzw. allgemein grammatische Zeichen dar.

1. Auf den Spuren der Entstehung einer neuen Kategorie: „Leerverben als paralleler Kopulastrang und (ursprünglich) explizites Präsens“

1.1 „Sein“ und „haben“ als Euroversal

1.2 „Haben“ als paralleler Kopulastrang

2. Leerverben und Leerverbgefüge aus synchroner Sicht

2.1 Leerverben und Leerverbgefüge aus semantisch-lexikalischer Sicht

2.1.1 Leerverben als „Linking Element“

2.1.2 Das Prädikatsnomen als semantischer Kern des Leerverbgefüges

2.2 Leerverben und Leerverbgefüge aus formal-syntaktischer Sicht

2.2.1 Leerverben als Prädikatisierungsmorphem und Leerverbgefüge als analytische Verben

2.2.2 Die Struktur von Leerverben und Leerverbgefügen

2.3 Leerverben und Leerverbgefüge aus funktioneller Sicht

2.3.1 Leerverben, Quasi-Leerverben und Semi-Leerverben

2.3.2 Effizierende Verben

2.3.3 Modalverben und aktionsartverändernde Verben

2.3.4 Idiomatisch- markierte Verbindungen

2.4 Das Scherendilemma Leerverben als grammatisch- geschlossene & Leerverbgefüge als lexikalisch-offene Klasse

2.4.1 Funktionselemente vs. Inhaltselemente

2.4.2 Leerverben als relativ geschlossene Klasse

2.4.3 Leerverbgefüge als relativ offene Klasse

2.5 Leerverben als verbale Funktionselemente der Sprache

3. Leerverben und Leerverbgefüge aus typologischer Sicht

3.1 Leerverben & Leerverbgefüge im Chinesischen

3.1.1 „Shì 是“ und „yǒu 有“

3.1.2 Potentielle Leerverbgefüge im Chinesischen

3.2 Leerverben & Leerverbgefüge im Japanischen

3.2.1 „Iru いる“ und „aru ある“

3.2.2 Leerverbgefüge vom Typ „suruする“

3.3 Leerverben & Leerverbgefüge im Türkischen

3.3.1 „Sein“ und „haben“ im Türkischen

3.3.2 Leerverbgefüge vom Typ „etmek“ und „yapmak“

3.4 Leerverben & Leerverbgefüge im Ewe

3.4.1 Entsprechungen von “sein” und “haben” im Ewe

3.4.2 Serial-Verb-Verbindungen und Leerverbgefüge vom Typ „wo“ im Ewe

3.5 Leerverben und Leerverbgefüge innerhalb und außerhalb der ROM+ Sprachen

4. Leerverben und Leerverbgefüge aus diachroner Sicht

4.1 Leerverben und Leerverbgefüge als Produkt von Grammatikalisierung, Reanalyse und Analogie

4.1.1 Leerverben als Grammatikalisierungsprodukt

4.1.2 Mechanismen der Grammatikalisierung

4.2 Schemata der Grammatikalisierung von Leerverben

4.2.1 Die Notwendigkeit eines Musters als Orientierungshilfe für Grammatikalisierungsprozesse

4.2.2 Wahl „in absentia“ (Metapher) vs. „in praesentia“ (Metonymie)

4.2.3 Die doppelte Translation von Leerverbgefügen

4.2.4 Die Leerverbstrategie – Leerverben als ‚explizites Präsens’

4.3 Richtung des Grammatikalisierungsprozesses

4.3.1 Basic-Level-Konzepte als Ausgangspunkt verbaler Grammatikalisierungsprodukte

4.3.2 Überschneidungen im Funktionsbereich von „sein“ und „haben“ und ihre Konsequenzen

4.3.3 Die Motivation der Verdrängung einer Form aus Teilen ihres Funktionsbereichs am Beispiel von sp. ser und estar

4.3.4 Grammatikalisierungszyklen ohne Synthetisierung am Beispiel von „haben“ vs.„halten, machen, geben etc“

4.4 Integration von Leerverbgefügen im Sprachsystem

4.4.1 Der langsame „Siegeszug“ von Leerverben und Leerverbgefügen

4.4.2 Unabhängigkeitserklärung der Leerverben

4.5 Die Faszination von Funktionselementen oder “junk makes the world go around“

5.Glossar