Liane Ströbel

Sensorimotor-Based Concepts & Empty-Verb-Constructions

In tem ganhado ʻer hat gewonnenʼ und tem medo ʻer hat Angstʼ steht das portugiesische ter (< lat. TENĒRE ‘haltenʼ) nicht in Vollverbfunktion. In Verbindung mit einem Partizip (ganhado) erfüllt es die Rolle des temporalen Hilfsverbs, in Kombination mit einem Abstraktum (medo) die eines verbo leve. Während sich der Begriff ʻtemporales Hilfsverbʼ von selbst erklärt, herrscht im Falle der verbos leves meist noch Definitionsbedarf. Verbos leves fungieren in Kombination mit einem (meist deverbalen) Abstraktum (z.B. pt. discussão < discutir) als Prädikatisierungsmorphem und bieten somit die Möglichkeit der Bildung eines komplexen Prädikats, z.B. ter uma discussão (wörtl. ʻeine Diskussion habenʼ = discutir ʻdiskutierenʼ). Im Gegensatz zu aktionsartspezifizierenden Verben beeinflussen sie dabei nicht den semantis- chen Gehalt des Nominalsyntagmas , z.B. iniciar uma discussão ʻeine Diskussion beginnenʼ ≠ discutir ʻdiskutierenʼ (vgl. Ströbel 2010, 2011, 2014a, 2014b). Zudem handelt es sich bei den verbos leves um eine eindeutig abgrenzbare Gruppe konzeptuell einfacher Verben, die sich alle auf sensomotorische Fähigkeiten mit der HAND zurückführen lassen: HABEN, HALTEN, MACHEN, GEBEN, NEHMEN, etc.

Verbos leves eigenen sich besonders gut um das Zusammenspiel von Sprache, Rede und Kognition zu verdeutlichen, da diese das Resultat einer expressiven Markierung der Verbindung zwischen dem Subjekt, der Aussage und der konkreten Kommunikationssituation darstellen (tenho uma discussão, wörtl. ‘ich habe (jetzt) eine Diskussion’ = ich diskutiere gerade). Darüber hinaus sind sie zwar ein überaus frequentes Phänomen der Mündlichkeit, das Aufkommen und die Frequenz der einzelnen verbo leve ist aber stark an die Auslastung des Auxiliarbereichs in den jeweiligen romanischen Sprachen gekoppelt. Durch den gemeinsamen kognitiven Ankerpunkt HAND, wird zudem deutlich, dass verbos leves im Portugiesischen, Spanischen und Französischen zwar dem gleichen Entwicklungspfad folgen, allerdings sich aktuell auf verschiedenen Entwicklungsstufen befinden.