Liane Ströbel

Sensorimotor-based Concepts: ‚hand‘ as Cognitive Anchorage Point

EMBODIMENT ist eines der großen Themen der kognitiven Linguistik (vgl. u.a. Gallese & Lakoff 2005), vor allem die SENSOMOTORIK und ganz besonders die im Fokus dieser Arbeit stehende HAND (vgl. Boulenger et al. 2009 oder Ströbel 2015). Ihre außerordentliche Eignung als kognitiver Ankerpunkt für lexikalische, wie auch grammatikalische Sprachwandelprozesse, erklärt sich damit, dass sie universal ist und sowohl sensorisch (Tastsinn) als auch motorisch (Bewegung) agieren kann.

Dies zeigt sich vor allem an folgenden bekannten Beispielen aus dem Sanskrit und dem Lateinischen. Für das Sanskrit sieht Buck (1949: 238f.), einerseits einen Zusammenhang zwischen den verbalen Begriffen für HALTEN und TRAGEN und den nominalen Begriffen für GRIFF und MACHT; andererseits führt er auch die Konzepte TUN und MACHEN auf adjektivische Ausdrücke für HAND zurück. Im Lateinischen ist manus ‘Hand’ beispielsweise Ausgangspunkt für manica ‘Ärmel’, mandare ‘übergeben’, oder mandātus ‘Auftrag’ (vgl. auch Wildgen 2008: 48ff. oder Hegedüs-Lambert 2010). In den heutigen romanischen Sprachen (wie auch im Deutschen) beinhalten zahlreiche Wendungen ebenfalls das Quellkonzept HAND.

Wie lassen sich die unterschiedlichen Zielkonzepte ein und desselben Quellkonzepts erklären? Die Lösung dieses Rätsel liegt sicher in der Kombination aus konzeptueller Einfachheit (Universalität des Körperteils) und Komplexität der sensomotorischen Fähigkeiten (Tasten und Greifen) der HAND.

Diese Komplexität lässt sich sehr gut an der prototypischen Bewegungen GEBEN demon- strieren. Nach Newman (1996) bezeichnet engl. to give ‘geben’ einen telischen Prozess, an dessen Ende die bewusste und erfolgreiche Übergabe eines Gegenstandes von einem ehemaligen zu einem neuen Besitzer steht. Die durch GEBEN versprachlichte Handlung kann man auch mit den folgenden Parametern darstellen [+PROZESS], [+RESULTAT] und [+WECHSEL] (vgl. auch Gonçalves et al. 2010).

Neben dem sensomotorischen Quellkonzept HAND ist den verbos leves gemein, dass bei diesen in Kombination mit einem abstrakten Nomen2 die Vollverbbedeutung zurücktritt und sie stattdessen die Funktion übernehmen, eine selbst nicht-prädikatsfähige Form3 (vgl. pas- seio) ins Prädikat zu überführen, z.B. pt. dar um passeio, sp. dar un paseo, fr. faire une prom- enade ʻeinen Spaziergang machenʼ(vgl. Gross & Vivés 1996, Santana Neves 2006, Ströbel 2010, 2011, 2014a, 2014b). Innerhalb der verbo leve-Konstruktion aus verbo leve und Ab- straktum wirken die verbos leves nur noch als funktionale Elemente:

Os verbos-suporte, também conhecidos como verbos leves, verbos funcionais ou ver- balizadores, têm esse nome porque „ suportam“ as categorias de modo, de tempo, de número e de pessoa (…). (Pante 2009: 97)

Der ursprüngliche semantische Gehalt dieser Verben (z.B. pt./sp. dar ʻgebenʼ bzw. fr. faire ʻmachenʼ im Beispiel oben) weicht damit der globalen Bedeutung der verbo leve-Konstruktion:

[Os verbos leves são] bastante esvaziados do ponto de vista semântico e formam com o seu complemento (objeto direto) um significado global. (Neves 2000: 53)

Aus synchroner Sicht steht dabei die Bildung eines komplexen Prädikats im Vordergrund:

[O] verbo leve e o nome deverbal formam um predicado complexo. (Gonçalves et al. 2010: 455)

Verbo leve-Konstruktionen können meist durch ein mit dem Abstraktum stammverwandtes Verb ersetzt werden (vgl. Rocha Lima 1992: 250):

(1) a. O primeiro-ministro fez uma apresentação da nova lei no Parlamento.
b. O primeiro-ministro apresentou a nova lei no Parlamento. (Duarte et alii. 2009: 494)
c. Aparelhos de telefonia celular que fazem fotografias / fotografam.
d. O Squeezebox faz a transmissão de / transmite as músicas no formato MP3 sem exigir a ligação de fios (…). (Santana Neves 2006: 87-89)

Aufgrund ihrer höheren syntaktischen Flexibilität werden verbo leve-Konstruktionen sogar in bestimmten Bereichen, zum Beispiel in der Fachsprache der Technik bevorzugt:

(2) a. O software faz a conversão [vs. converte] dos arquivos. É possível converter filmes de DVD para VCD.

b. Depois da instalação, o programa faz uma varredura [vs. varre] para encontrar arquivos de mídia nos documentos Office.
c. O usuário é obrigado a fazer um ajuste [vs. ajustar] manual.
d. (…) convém usar o teclado, principalmente se a idéia é escrever ou fazer cálculos [vs. calcular] e gráficos. (Santana Neves 2006: 58f.)

Die syntaktische Flexibilität teilen sich verbo leve-Konstruktionen mit idiomatischen Wen- dungen, wie z.B. O homem faz parte da natureza vs. participa (vgl. Santana Neves 2006, Duarte et al. 2009).