Entweder jeder zählt oder niemand
Titus Welliver, dem Fernsehpublikum vor allem als LAPD-Detektiv Harry Bosch bekannt, eine Rolle, die er seit über einem Jahrzehnt im Streaming-Fernsehen verkörpert, wurde bei der zweiten Ausgabe des IGS-Festivals in Rimini geehrt.
Die Auszeichnung, so gesteht er im Interview, kam mit einer unerwarteten Erkenntnis. „Ich war noch nie zuvor in Rimini“, erzählte er mir am Tag nach der Eröffnungsfeier, „und ich bin wirklich sehr beeindruckt. Es gibt unglaublich viele Filmfestivals, aber dieses konzentriert sich auf Serien; hierher zu kommen und diesen Preis zu erhalten, ist eine enorme Ehre.“
Bei einer Serie schlüpft man über viele Episoden hinweg in die selbe Rolle. Eröffnet dieses Format mehr Spielraum zum Erkunden, Improvisieren und Reifen der Figur als eine Rolle, die an ein einziges Drehbuch gebunden ist?
Ich denke, das, was wir früher Fernsehen genannt haben, ist kein echtes Fernsehen mehr; heute dreht sich alles um Streaming. Natürlich haben wir nach wie vor das klassische Fernsehen, aber das funktioniert unter einer anderen Struktur. Eine Streaming-Serie hat eine andere Bildsprache, ein anderes Niveau an Schreibkunst. Eine Serie zu machen ist heutzutage eigentlich wie acht oder zehn Filme von je fünfzig Minuten zu drehen. In einem traditionellen Sender hat man Werbeunterbrechungen, und am Ende wird das Drehbuch auf die Werbetreibenden zugeschnitten. Beim Streaming konzentriert man sich auf das Wesentliche: das Erzählen der Geschichte. Daher ähneln diese Produktionen viel mehr dem Kino.
Boschs Satz „Entweder zählen alle oder niemand zählt“ ist zu einer Art Credo für die Figur geworden. Macht dieser Satz in einer Zeit des schwindenden Vertrauens in Institutionen immer noch Sinn?
Ja, ich denke man sollte nach diesem Credo leben; wenn man auch nur ein bisschen Menschlichkeit besitzt, denn darum geht es im Kern. Es stammt aus Harrys Vergangenheit: Seine Mutter war Sexarbeiterin und wurde ermordet. Da sie Teil eines marginalisierten Teils der Gesellschaft war, gab es keine Dringlichkeit oder ernsthaften Bemühungen, jenes Verbrechen aufzuklären. Die Haltung war: „Sie ist eben eine Sexarbeiterin.“ Wofür Harry eintritt, ist, dass das völlig egal ist; selbst wenn das Opfer ein Mörder, ein Gauner oder jemand am Rande der Gesellschaft ist, letztendlich wurde ein Mensch getötet. Meine Aufgabe als Mordermittler ist es, den Mord aufzuklären und irgendeine Form von Gerechtigkeit durchzusetzen, egal wer das Opfer ist, denn ein Verlust ist ein Verlust und der Tod ist endgültig. Harry sagt, dass innerer Friede ein Mythos ist. Das Einzige, was er tun kann, ist zu versuchen, Gerechtigkeit walten zu lassen. Das ist sein moralischer Kompass, und ich glaube, dass davon heute in der Menschheit vieles fehlt. Wir leben in einer tief gespaltenen Welt nach dem Motto ‚Entweder du bist für uns oder gegen uns‘, und das ist wirklich schade. Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf der Evolutionsleiter zurückentwickelt haben und uns primitiv verhalten. Es mangelt an Moral, und Dummheit sowie Brutalität werden gefeiert. Das ist für viele Menschen entmutigend. Ich schalte morgens nicht den Fernseher ein; ich warte, bis ich meinen Kaffee trinke, und meditiere, bevor ich aufs Handy schaue. Andernfalls wäre ich den ganzen Tag schlecht gelaunt.
Angesichts dieses Panoramas: Siehst du deine Arbeit als Fluchtpunkt oder gibt es auch den Impuls die Zuschauer aufzurütteln über Dinge nachzudenken?
Die Kunst war schon immer genau das; das lässt sich bis zu den frühen Menschen zurückverfolgen, vielleicht sogar noch vor der gesprochenen Sprache. Wir haben schon immer Geschichten erzählt, sei es durch Höhlenmalereien, Lieder, das physische Nachspielen einer Erzählung oder durch Musik. All das ist Storytelling. Die Geschichte hat gezeigt, dass die Menschen in Zeiten unglaublicher Not oder während Kriegen in Scharen ins Kino strömten, um dem Alltag zu entfliehen, und ich glaube, wir nutzen es nach wie vor genau dafür. Aber als Künstler hoffe ich immer, im Guten wie im Schlechten, die Menschen zum Nachdenken anzuregen. Wenn ein Film jemanden aufwühlt und er denkt: „Mein Gott, wie schrecklich“, dann hat er ihn zumindest zum Nachdenken gebracht. Vielleicht hat er seine tiefsten Ängste berührt, ihn zum Lächeln, Weinen oder Lachen gebracht. Darum geht es beim Geschichtenerzählen. Wie ein Werk beim Publikum ankommt, ist letztlich etwas Subjektives; das ist ein Teil seiner Schönheit. Es ist sehr ähnlich wie beim Essen: Manche mögen keine Pizza und andere würden dir sagen, dass du ein Problem hast, wenn das so ist. Ich glaube allerdings, dass ein Werk, wenn sich Künstler zu sehr bemühen, einen „Zweck“ zu verfolgen, prätentiös und gestelzt wirkt, und ich als Zuschauer habe keine Lust, mir so etwas anzusehen. Sag mir nicht, wie ich mich zu fühlen habe. In dem Moment, in dem mir ein Werk sagt, dass es tiefgründig ist, höre ich auf zu glauben, dass es das auch ist.
Spürst du diesen Druck bereits bei deiner eigenen Arbeit? Ist die Freiheit des Geschichtenerzählens im Moment in Gefahr?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es verschiedene Ebenen der Zensur gibt. Ich halte es für wichtig, sensibel zu sein; das fand ich schon immer so, das ist für mich nichts Neues. Aber ein Großteil von dem, was sie Schutzbarrieren oder politische Korrektheit nennen, wurde bis zu einem gewissen Grad pervertiert. Wir sind heute so überempfindlich darauf bedacht, bloß niemanden auch nur im Geringsten zu kränken, dass es zu einem echten Rückgang der Offenheit im künstlerischen Ausdruck gekommen ist. Insbesondere die Comedy ist sehr puritanisch und stark zensiert geworden. Natürlich muss man sensibel für die Gefühle anderer sein, aber man muss sich auch mit der Realität der menschlichen Natur auseinandersetzen. Es gibt Leute, die dir sagen: „Sag das bloß nicht“, und wenn du erwiderst, lautet die Antwort: „Wir wollen dieses Thema nicht anrühren, das ist ein gefährliches Terrain, erwähne es am besten gar nicht erst.“ In dem Moment, in dem du diese Einschränkungen akzeptierst, hörst du auf, Kunst zu machen. Man hat es mit einer Form von Kontrolle zu tun, die ich als totalitär, ja sogar faschistisch bezeichnen würde. Aber die Geschichte zeigt uns, dass sich die Kunst am Ende gegen so etwas durchsetzt. Das hat sie immer getan. Die Kunst hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, und genau das ist der Grund, warum sich die Leute so oft vor den Kopf gestoßen fühlen: Sie wollen sich eben nicht im Spiegel betrachten. Das ist die Heuchelei. Sie schreien „Wie kannst du nur?“, selbst wenn es 100% zutrifft. Man sollte das mit einem gesunden Maß betrachten, sonst kann man es auch gleich bleiben lassen.
Titus Welliver über Streaming im Vergleich zum klassischen Fernsehen, den moralischen Kompass von Harry Bosch und warum wahre Kunst sich niemals der Zensur beugen darf.
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