Hinter den Kulissen des italienischen Kinos
Der vorliegende Text ist eine gekürzte und im Stil angepasste Zusammenfassung eines ausführlichen Interviews, das in Liane Ströbels Beitrag „Zwischen Nostalgie und Neupositionierung: Chiara Sbarigia und der Wandel der italienischen Audiovisionslandschaft“ in Zibaldone. Zeitschrift für italienische Kultur der Gegenwart (Heft 80, 2026, S. 137–141) erschienen ist.
Spricht man über italienisches Kino, fallen sofort Namen wie Fellini, Visconti oder Rossellini, verbunden mit dem Mythos von Cinecittà und unvergesslichen Bildern des Neorealismus. Ein beeindruckendes Erbe, das jedoch jahrzehntelang mit institutioneller Trägheit, halbem digitalen Wandel und dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne koexistierte.
Um zu verstehen, warum die Branche in den letzten Jahren international an Sichtbarkeit gewonnen hat, muss man hinter die Bühne blicken. Dort tritt eine Schlüsselfigur hervor: Chiara Sbarigia.
Ausgebildet in Literatur an der La Sapienza, trat Chiara Sbarigia 1994 in die damalige APT (heute APA: Associazione Produttori Audiovisivi) ein. Drei Jahrzehnte lang optimierte sie Strukturen, knüpfte Netzwerke und festigte die Beziehung zwischen Produzenten und Politik.
Zwanzig Jahre lang war sie Generaldirektorin, seit 2023 Präsidentin. Dabei ging ihre Arbeit über Verwaltung hinaus: Sie verband wirtschaftliche Strategie mit kultureller Sensibilität und formte die Erzählung darüber, was audiovisuelles Italien im 21. Jahrhundert sein kann.
Ihre Ernennung 2021 zur Präsidentin von Cinecittà S.p.A. war mehr als ein administrativer Wechsel. Die Institution vereint Mythos und Infrastruktur, Erinnerung und Herausforderung. Unter ihrer Führung blickte Cinecittà nicht mehr zurück: Sie internationalisierte, stärkte die Bewahrung des Erbes und öffnete Räume für serielle Produktionen. Chiara Sbarigia übernahm die doppelte Rolle als Hüterin der Tradition und Impulsgeberin der Transformation, ohne in die „Alles-oder-nichts“-Logik zu verfallen.
Am 30. Juni 2025 trat sie von diesem Posten zurück, nicht aber in den Ruhestand. Ihre Energie konzentriert sich nun auf die Fondazione Maximo, konzipiert als Plattform für die Zukunft. Der Premio Maximo, verbunden mit dem Italian Global Series Festival in Riccione, wurde als Gegenstück zum historischen David di Donatello geschaffen. Während der David das Kino ehrt, verleiht der Maximo Serien das symbolische und industrielle Gewicht, das sie heute verdienen. Für Chiara Sbarigia ist ein Preis nicht nur Auszeichnung, sondern ein Instrument kultureller Politik. Serien sichtbar zu machen, verändert auch die Produktionsrealität.
Ihr Internationalisierungsansatz zielt nicht darauf ab, das Lokale zu verwässern, sondern es zu verstärken. Titel wie L’amica geniale, Commissario Montalbano, I Medici oder das neue Sandokan (2025) zeigen, dass lokale Authentizität die beste Exportkarte ist. „Authentizität ist die echte Währung auf dem internationalen Markt“, betont sie. Deshalb fördert sie Kooperationen mit Showrunnern und ausländischen Koproduzenten: Reichweite erhöhen, ohne Identität zu verlieren.
Ein weiteres Anliegen ist die Förderung junger Talente. Zusammen mit dem Kulturministerium initiierte sie das Programm Youth Ambassadors, das aufstrebende Filmschaffende nach Berlin, Cannes oder Venedig bringt. Es geht nicht nur um Kontakte, sondern um kulturellen Dialog und die Erneuerung europäischer Allianzen. Auch in Debatten über künstliche Intelligenz bleibt sie nüchtern: weder blinder Enthusiasmus noch apokalyptische Ablehnung, sondern die stete Frage, wie man KI nutzen kann, um menschliche Kreativität zu erweitern, nicht zu ersetzen.
Was Chiara Sbarigia auszeichnet, ist ihre Diskretion. Sie sucht kein Rampenlicht, hinterlässt aber Spuren: Sie denkt eher als kulturelle Strategin, denn als Verwaltungsbeamtin. Wo andere Bedrohung sehen, sieht sie Chance. Sie schlägt Brücken vom Vergangenen ins Heute, vom Nationalen ins Europäische, vom Analogen ins Digitale.
Kulturstrategie trifft Vision: Chiara Sbarigias Wirken im modernen Film- und Fernseh-Europa.
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