Liane Ströbel

Grenzen und Spielräume der sprachlichen Kodierung räumlicher Wahrnehmung

Mein Artikel:
Grenzen und Spielräume der sprachlichen Kodierung räumlicher Wahrnehmung. Am Beispiel von Positionsangaben im Französischen im Vergleich zum Deutschen
ist in: Krefeld, Thomas/Pustka, Elissa (Hrsg.) (2014): Perzeptive Linguistik: Phonetik, Semantik, Varietäten. Stuttgart: Franz Steiner Verlag: http://www.steiner-verlag.de/titel/60245.html erschienen.

 

«La perception n’est pas le constat d’une réalité objective,
elle est la négociation d’une présence au monde.»

 Derrick de Kerckhove

Auszug: „Wie kommt ein Franzose, der auf einen Baum geklettert ist, wieder herunter?“ Diese von Geuder (2009) in seinem Aufsatz „Descendre en grimpant“ aufgeworfene Frage veranschaulicht schön den Konflikt, welcher auf dem kontrastiven Unterschied basiert, dass sich das deutsche Verb klettern flexibel mit verschiedenen Richtungsangaben kombinieren lässt, das französische Verb grimper hingegen sich aber nur für Aufwärts- (und unter Umständen auch Seitwärts-) aber nicht für Abwärtsbewegungen verwenden lässt. Bevor weitere -aus kontrastiver Sicht- problematische Szenarien betrachtet werden, werden kurz einige Faktoren vorgestellt, die bei der kognitiven Strukturierung der Wahrnehmung einer Handlung (wie z.B. der Beobachtung des „Kletterns auf einem Baum“), eine entscheidende Rolle spielen. Als Ausgangspunkt dient die Feststellung, dass wir unsere Umgebung als Ganzes, bestehend aus hierarchisch geordneten Komponenten, wahrnehmen. Fast immer unterscheiden wir zwischen einer meist kleineren und beweglicheren im Fokus stehenden Variablen bzw. der Figur, und einer weiteren meist größeren und eher statischeren Bezugsgröße, dem Grund:

The Figure is a moving or conceptually movable entity whose site, path, or orientation is conceived as a variable (…). The Ground is a reference entity, one that has a stationary setting relative to a reference frame, (…).“ (Talmy 2000: 184; vgl. dazu auch Jackendoff/Landau 1991, Landau/Jackendoff 1993, Vandeloise 1987).

Die Beschreibung des Figur-Grund-Verhältnisses ist gerade bei Positionsangaben wichtig, da diese nicht isoliert, sondern immer im räumlichen Kontext existieren. Basierend auf dieser Distinktion werden bei der Analyse die verschiedenen Parameter, wie z.B. Kontakt (ohne direkte Unterstützung des Gewichts), Support (Unterstützung des Gewichts gegen die Gravitation), Ausrichtung (vertikal vs. horizontal), Orientation (oben vs. unten), Konsistenz (Material des Grunds) etc., abgefragt und die jeweils dominanten Parameter bzw. kognitiven Ankerpunkte bei der sprachlichen Kodierung herausgestellt (vgl. Berthele 2004, Kaufmann 1995, Kutscher und Schultze-Berndt 2007, Serra Borneto 1996, etc.). Gerade durch den kontrastiven Vergleich (Deutsch vs. Französisch) wird die Frage aufgeworfen, inwieweit fehlende Parallelen in der sprachlichen Kodierung auch Rückschlüsse über potentielle Unterschiede in der Perzeption bestimmter Positionen im Raum suggerieren, vgl. Kopecka (2004: 19):

« (…) la langue est considérée comme un système de formes dont la fonction est de transmettre des idées, et dont tous les éléments, de la plus petite unité de sens jusqu’aux constructions plus complexes, entretiennent des rapports étroits pour aboutir à une [cette] fin. »

Mit anderen Worten beeinflussen die Grenzen und Spielräume der jeweiligen Einzelsprache nicht nur die sprachliche Kodierung, sondern vielleicht auch allein aufgrund ihrer Existenz die Wahrnehmung, ähnlich einem Filter?, vgl. Slobin (1996) bzw. Kopecka (2004: 38):

(…) lorsqu’ils pensent et planifient pour parler, les locuteurs doivent prendre en compte les spécificités morphosyntaxiques et lexicales de leur langue maternelle pour faire les distinctions nécessaires (…).

Da der Titel „Descendre en grimpant“ von Geuder (2009) bereits eine Lösung für die eingangs gestellte Frage anbietet, nämlich die Verwendung einer Kombination aus einem Bewegungsverbs (mit vertikaler Ausrichtung und Orientierung nach unten) mit einer Art und Weise Angabe, wird es in dem vorliegenden Artikel um weitere Grenzen und Spielräume der sprachlichen Kodierung im Bereich der räumlichen Wahrnehmung gehen, wobei der Fokus vor allem auf den gebräuchlichsten Positionsangaben, wie z.B. LIEGEN, KNIEN, SITZEN, STEHEN und HÄNGEN liegen wird.

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